Die Logik der Terrorbilder

In der Nacht zum 15. Juni 2014 haben Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat in Irak und Syrien“ (ISIS) Fotos und Videos veröffentlicht, die die Misshandlungen und Exekutionen von Geiseln sowie angebliche militärische Erfolge dokumentieren. Auf ihrer Website sowie in sozialen Netzwerken behauptet die Terrorgruppe, 1.700 Menschen ermordet zu haben. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt (17. Juni 2014) gilt die Authentizität des Materials als umstritten. Trotzdem werden die beklemmenden Bilder in sozialen Netzwerken geteilt und verbreitet.

Vorgestern Nachmittag habe ich dazu auf Twitter folgendes gesagt:

Dieser Tweet hat einige interessante Fragen ausgelöst, die sich jedoch nicht mit 140 Zeichen beantworten lassen. Deshalb möchte ich hier etwas weiter ausholen und auf die Funktionen von Bildern in kriegerischen Konflikten und im Rahmen von Terrorakten eingehen, wie sie u.a. in der aktuellen Forschung zu Bildpolitik diskutiert werden.

  1. Die Fotos von ISIS zeigen abscheuliche Grausamkeiten. Warum sollten die Bilder nicht in sozialen Netzwerken geteilt werden?

Hinter der Produktion von Fotos im Rahmen bewaffneter Konflikte stehen immer Menschen, die Interessen haben und Ziele verfolgen. In diesem Fall handelt es sich bei den Produzenten um Mitglieder einer Terrororganisation, die Fotos ihrer Gräueltaten verbreiten möchten. Neben dem Ziel, Aufmerksamkeit zu bekommen, geht es den Terroristen auch um die Vermittlung von Botschaften, die sich an unterschiedliche AdressatInnen richten können: an GegnerInnen, die eingeschüchtert und demoralisiert werden sollen, an verängstigte Menschen in vom Terror bedrohten Gebieten, an potenzielle MitstreiterInnen, die für den Terror mobilisiert werden sollen, aber auch an eine globalisierte Medienöffentlichkeit. Die Verbreitung des Materials folgt also einem strategischen Ziel und macht die Bilder zu zentralen Werkzeugen in der propagandistischen Inszenierung des Terrors. Wenn Privatpersonen diese Bilder in sozialen Medien teilen – auch wenn dies mit der nachvollziehbaren Absicht geschieht, auf das Unfassbare hinzuweisen – so folgt die Verbreitung in erster Linie dem Kalkül der Terroristen in ihrem Streben nach Öffentlichkeit.

2. Wenn diese Fotos strategische Ziele verfolgen, warum haben sie dann keine bessere Qualität?

Gerade die mangelhafte fotografische Qualität der Bilder lässt das Material besonders authentisch erscheinen. Die unscharfen, zum Teil verwackelten Aufnahmen wurden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von professionellen FotografInnen gemacht, sondern von Laien, die die Grausamkeiten am Rande tumultartiger Szenen der Entführung, Misshandlung und Ermordnung von Menschen dokumentiert haben. Die Qualität der Fotos soll den BetrachterInnen eine „Echtheit“ des Materials nahe legen.

3. Hängt es nicht auch an der „westlichen“ Medienlogik, dass diese Bilder so schnell verbreitet werden?

Spätestens seit 9/11 kann man davon ausgehen, dass TerroristInnen die Logik der Berichterstattung „westlicher“ Medien kennen, verstehen und für sich zu nutzen wissen. Bei der Veröffentlichung von Terrorbildern über die eigene Website hat ISIS also eine weitere Verbreitung des Materials über unterschiedliche Kanäle (z.B. soziale Netzwerke, Fernsehnachrichten, etc.) bereits mitgedacht. Die Grausamkeit der Szenen garantiert ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit.

Die expliziten Bildinhalte und die Urheberschaft des Materials stellen jene JournalistInnen vor Herausforderungen, die dem Gebot umfassender Information folgen möchten. Dass mediale Berichterstattung aber auch ohne einer Veröffentlichung von Terrorfotos gelingen kann, hat etwa Die Zeit vorgemacht. Denn es bedeutet eben keine Einschränkung von Information, die Bilder von Terroristen nicht zu zeigen. Vielmehr ist es eine konsequente Weigerung, an ihren Kommunikationsstrategien mitzuwirken.

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