Orientierung in der „Bilderflut“

Immer wenn von Naturgewalten die Rede ist, um den zeitgenössischen Umgang mit Bildern zu beschreiben, werde ich hellhörig. In der Wochenzeitung Die Zeit war unlängst von einem „Sog der Bilder“ zu lesen. Die Tageszeitung The Guardian wiederum bemühte die Metapher der „Bilderflut“ („flood of images„). Beide Begriffe verheißen nichts Gutes. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat zu Recht darauf hingewiesen, dass in ihrer metaphorischen Verwendung eine Mischung aus Ohnmacht und Abwehr mitschwingt.

Diese Gefühle erscheinen angesichts des Themas der Beiträge berechtigt. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie die mediale Bildberichterstattung mit dem gewaltsamen Tod von Menschen umgehen soll. Diese Frage wurde durch die politischen Ereignisse im Nahen Osten, in der Ukraine, in Syrien und im Irak aktualisiert und von verschiedenen Zeitungen (u.a. Die Zeit, The Guardian, The New York Times) sowie von einigen Blogs (u.a. Lens Blog, BagNewsNotes) aufgegriffen. Im Zentrum steht die Überlegung, ob und auf welche Weise Bilder von Opfern gezeigt werden können.

Politik-Redakteur Ludwig Greven von Zeit Online erklärt in seinem Beitrag „Der Sog der Bilder“ vom 21. Juli 2014 die Leitlinie seines Mediums, „keine Fotos von Leichen oder Leichenteilen“ zu zeigen. Am Beispiel des Abschusses des malaysischen Flugzeugs MH17 über der Ukraine argumentiert Greven, dass Opferfotos „nur die Sensationslust und einen schaurigen Voyeurismus befriedigen, aber nichts zur Aufklärung beitragen“. Opferbilder seien außerdem „Teil eines jeden Propagandakriegs“ und werden „gezielt benutzt, um Wirkung auf der Gegenseite zu erzeugen“. Beide Argumente bringen Greven zu folgendem Schluss:

„Wenn wir Medien vermeiden wollen, im Ukraine-Konflikt oder in Nahost zu willentlichen Helfern der einen oder der anderen Seite zu werden, sollten die Medien bei ihrer restriktiven Haltung bleiben. Das sind wir unseren Lesern schuldig. Den Opfern sowieso.“

Auch Roger Tooth, Bildredakteur der britischen Tageszeitung The Guardian, denkt in einem Beitrag vom 23. Juli 2014 über die Aufgaben seiner Redaktion unter zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen nach:

„[I]n the end, what right do I have as a picture editor to censor what people can see? It’s all out there on the internet or on your timeline. All I can do is try to help keep the Guardian’s coverage as humane and decent as possible.“

Während Greven das Zeigen von Leichenbildern also grundsätzlich ausschließt, betont Tooth die Notwendigkeit eines redaktionellen Auswahlprozesses und fallspezifischer Entscheidungen. Damit wirft er die Frage auf, ob Fotos von toten Menschen in bestimmten Situationen nicht doch als angemessen erscheinen können.

Der Journalist Fabian Mohr plädiert in seinem Blogpost „Why show dead people in the news?“ gegen Grundsatzentscheidungen und für mehr Pragmatismus bei der Bildverwendung:

„Is there a pragmatic solution? I think so. Do show dead bodies if they are part of the story – but be careful choosing the right pictures. Documenting death doesn’t mean it has to qualify as an anatomy course.“

Mit Verweis auf die großen Bildikonen der Kriegsfotografie wie Robert Capas „Falling Soldier“ oder Nick Úts „Napalm Girl“ erklärt Mohr, dass Bildberichterstattung einen nicht zu unterschätzenden Faktor für das Verständnis und die Einordnung kriegerischer Konfikte darstellt:

„From a journalistic perspective their impact can’t be overestimated. It is the photographs people remember after decades. I’m worried about a tendency to skip those uncomfortable pics.“

James Estrin vom Lens Blog der New York Times geht in einem Beitrag vom 24. Juli 2014 noch einen Schritt weiter und erklärt Bilder zu Aktiva des politischen Geschehens. Am Beispiel des Fotos zweier indischer Mädchen, die im Mai nach einer Gruppenvergewaltigung an einem Baum erhängt worden waren, erläutert Estrin, dass erst die fotografische Dokumentation des Verbrechens durch internationale Nachrichtenagenturen jenen Druck auf die untätigen Behörden ermöglicht habe, der zu einer Festnahme der Täter führte.

Die Diskussionsbeiträge zeigen, dass die Entscheidung für oder gegen ein Foto für die Bildredaktionen nicht leicht ist. Die aktuellen politischen Konflikte bedingen eine außergewöhnlich große Materialmenge, eine unsichere Quellenlage sowie den Umgang mit zum Teil verstörenden Bildinhalten. Dazu kommt ein steigender ökonomischer Druck auf die Redaktionen und eine damit verbundene verschärfte Konkurrenz zwischen Medienunternehmen, die Fehleinschätzungen unter „Echtzeitdruck“ begünstigen.

Unter diesen erschwerten Rahmenbedingungen sind BildredakteurInnen ganz besonders auf medienethische Leitlinien angewiesen, die die Entscheidung für oder gegen ein Bild in höchst unterschiedlich gelagerten Fällen erleichtern können. Denn Fotos von Absturzopfern des Fluges MH17 sind unter anderen Gesichtspunkten zu bewerten als Bildmaterial aus Gaza oder Fotos aus Gebieten, die von der Terrororganisation IS kontrolliert werden. Nicht überall können FotojournalistInnen wegen der Sicherheitslage vor Ort sein, weshalb mitunter auch Material problematischer Herkunft den Weg in die Redaktionen findet.

Eine fallspezifische Bewertung von Bildmaterial, die sich dem Anspruch umfassender Berichterstattung ebenso verpflichtet fühlt wie der Einhaltung medienethischer Grundsätze, setzt Antworten auf (zumindest) die folgenden Fragen voraus:

  • Lassen sich die Herkunft des Fotos und der Schauplatz des Geschehens zweifelsfrei bestimmen?
  • Verfolgen die ProduzentInnen von Fotos vielleicht Interessen, die redaktionellen Grundsätzen zuwiderlaufen?
  • Welche Funktion soll das Foto für den journalistischen Beitrag erfüllen? Geht es um eine Illustration des geschriebenen Wortes, oder erzählt das Bild eine eigene Geschichte, die durch symbolische Verdichtung über den Sinngehalt des Textes hinaus geht?

Gerade in der aktuellen politischen Lage braucht es eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Herkunft, den Zweck und die potenzielle Wirkung von Fotos. Das sollte nicht nur für Bildredaktionen gelten, sondern für alle, die sich an der Verbreitung von Bildmaterial aus Konfliktregionen beteiligen. Denn einer „Flut“ der Bilder und ihrem „Sog“ ist nur ausgeliefert, wer auf die Möglichkeit zur Auswahl und Bewertung verzichtet.

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