Falsche Vergleiche: ein Schlüsselbild des Holocaust und seine Verwendung im Nahostkonflikt

Vorbemerkung: Der folgende Text beshäftigt sich mit der propagandistischen Verwendung eines Bildes, das im Zuge des aktuellen Nahostkonflikts in sozialen Netzwerken verbreitet wurde. Zu Anschauungszwecken wird auf das Bild verlinkt, was dezidiert nicht als Unterstützung des Inhalts zu verstehen ist.

Soziale Netzwerke sind im aktuellen Nahostkonflikt zu einem Austragungsort propagandistischer Kämpfe geworden. Unter verschiedenen Hashtags teilen UnterstützerInnen beider Kriegsparteien Bild-, Text- und Videomaterial. Nicht immer können Quelle, Intention und Authentizität des Materials zweifelsfrei bestimmt werden. Während Medienredaktionen unterschiedliche Möglichkeiten zur Verifikation nutzen, können sich Userinnen und User auf Facebook oder Twitter deutlich schwerer absichern. Oft reicht schon, dass eine Botschaft stimmig wirkt, damit sie viral wird.

So war es wohl auch im Falle eines Bildes, das in den letzten Wochen für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Es handelt sich dabei um eine Montage, die zwei Fotos gegenüberstellt: auf der einen Seite ein Holcaust-Bild, auf der anderen Seite ein zeitgenössisches Foto eines palästinensischen Kindes. Das historische Foto wurde unter dem Namen „Der Junge aus dem Warschauer Ghetto“ weltbekannt. Fotografiert von Mitgliedern einer SS-Brigade während der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstandes im Mai 1943 zeigt das Bild einen kleinen jüdischen Jungen, der mit erhobenen Händen angstvoll ins Leere blickt. Der Historiker Christoph Hamann hat sich in einem 2009 erschienenen Beitrag eingehend mit der Geschichte dieses Fotos beschäftigt. Er erklärt, dass das Foto nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem zentralen Referenzpunkt in der visuellen Erinnerung an den Holocaust geworden ist. Seine Verwendung in unzähligen Schulbüchern, Ausstellungen und Werken der Kunst (Film, Literatur, Malerei) haben das Foto in einem jahrzehntelangen Verwertungs- und Kanonisierungsprozess zu einem Schlüsselbild gemacht, das über die abgebildeten Personen hinausgehend das kollektive Leid der Opfer symbolisiert (vgl. Hamann 2009, 616-617).

In der aktuellen Verwendung wird dem Ghetto-Foto ein 2001 aufgenommenes Bild eines palästinensischen Jungen gegenübergestellt, der von israelischen Soldaten festgenommen wird. Vergangenheit und Gegenwart werden in der Montage zueinander in Bezug gesetzt. Das historische Bild erfährt dadurch eine zeitgenössische Aktualisierung, die seinen Entstehungskontext gezielt ausblendet. So bleibt die Tatsache unberücksichtigt, dass der Holocaust die Vernichtung der eurpäischen Jüdinnen und Juden zum Ziel hatte, was seine Einzigartigkeit im Vergleich zu anderen Genoziden markiert. Im Vergleich von Unvergleichbarem wird eine semantische Verknüpfung des Leids eines palästinensichen Kindes mit der Erinnerung an den Holocaust hergestellt (vgl. Hamann 2009, 622). Diese Verknüpfung bedient sich der historischen und moralischen Dimension des Holocaust („Nie wieder!„), während sie gleichzeitig den Opferstatus von Jüdinnen und Juden relativiert.

Das Bild des Jungen aus dem Warschauer Ghetto ist nur eines von zahlreichen Fotos des Holocaust, die in propagandistischen Inszenierungen funktionalisiert werden. Ihre Eindrücklichkeit, der starke moralische Appell und ihre symbolische Funktion begünstigen eine Wiederverwendung in aktuellen politischen Zusammenhängen, die die historischen Rahmenbedingungen nicht nur unberücksichtigt lassen, sondern sie vielfach sogar umdeuten.

Dass diese ahistorische Strategie einer Gleichsetzung israelischer Politik mit dem Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden und die damit verbundene Umdeutung in einen Vernichtungskrieg nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch in der Politik anschlussfähig ist, zeigen Zitate des türkischen Ministerpräsidenten und künftigen Präseidenten Erdoğan. Seine im Juli 2014 getätigte Aussage, dass Israel „Hitler in Sachen Barbarei übertroffen“ habe, bleibt allerdings nicht bei der Opfer-Umkehr stehen. Sie weist Israel vielmehr die Rolle eines Täters zu, der sich dem schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig macht. Wer Bildern zugunsten von Effekten die Geschichte raubt, muss damit rechnen, sich dieser Deutung anzuschließen.

Zitierte Literatur

Hamann, Christoph (2009): Der Junge aus dem Warschauer Getto. Der Stroop-Bericht und die globalisierte Ikonografie des Holocaust, in: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1949, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Seite 614-623.

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