Ikonografie des Schreckens: das Bildprogramm des „Islamischen Staates“

In zahlreichen Medienberichten der letzten Wochen war von der geschickten Propaganda des so genannten „Islamischen Staates“ (IS) die Rede. Besonders häufig wurden die Ästhetik und Schnitttechnik von Videobotschaften der Terrorgruppe sowie die Verbreitung von Bildmaterial in sozialen Medien hervorgehoben. Die Frage, welches Bildprogramm der IS dabei bedient, blieb allerdings weitgehend unbeachtet.

Ich möchte mich im folgenden Beitrag mit ausgewählten Bildstrategien beschäftigen, wie sie im Rahmen der fünfteiligen Serie „The Islamic State“ von VICE NEWS Mitte August 2014 präsentiert wurden. Der VICE-Journalist Medyan Dairieh hat drei Wochen in IS-Gebieten verbracht und dort unter ständiger Begleitung und redaktioneller Einmischung der Terrorgruppe gefilmt. Seine Beiträge geben Auskunft über das Selbstverständnis des IS und über das Image, das die Terroristen einem internationalen Publikum vermitteln möchten. Dabei bedienen sie ein Bildprogramm, das sich aus verschiedenen visuellen Strategien speist.

Besetzung von Orten

„We will rise the flag of Allah in the White House.“ (VICE NEWS – The Islamic State 1/5, 05:05)

Seit Beginn seines Vormarsches zählt die symbolische Besetzung von Orten zu den zentralen Repräsentationsmerkmalen des IS. Der Einzug von Terroristen in besetzten Gebieten und ihre Markierung mit der IS-Flagge gehören dabei ebenso zum Bildprogramm wie die Geltendmachung von Territorialansprüchen durch das Rammen eines Säbels in den staubigen Boden. Wie bei kommunikativen Strategien des IS häufig der Fall, richten sich diese Bilder nicht nur an Menschen vor Ort, sondern auch an imaginierte Feinde im nahen und fernen Ausland. Das symbolische Hissen der Flagge, das sich als wiederkehrendes Motiv durch die Videobotschaften des IS zieht, ist eine Siegesgeste, die tief im abendländischen Bildgedächtnis verankert ist und zahlreiche historische Vor-Bilder aufruft.

Neben der Sichtbarmachung eigener Symbole gehört auch die Auseinandersetzung mit symbolischen Orten des Feindes zum Bildprogramm des IS. Diese Auseinandersetzung kann sich auf Drohgebärden beschränken (wie etwa im Fall der Ankündigung, die „Flagge Allahs im Weißen Haus zu hissen“), oder sich in konkreten Zerstörungsakten von Sakralbauten oder Bauwerken der niedergeschlagenen politischen Ordnungen manifestieren. Wie wichtig dabei die Übermittlung von Botschaften an „den Westen“ ist, zeigen Szenen der Eroberung und Zerstörung von Grenzposten entlang der Sykes-Picot-Linie, die auf Basis einer Übereinkunft zwischen Großbritannien und Frankreich nach Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt worden war (vgl. VICE NEWS – The Islamic State 5/5, 03:15).

Sichtbarmachung der neuen Ordnung

„We aim to build an Islamic State to cover every aspect of life.“ (VICE NEWS – The Islamic State 4/5, 01:13)

Ein wesentliches Element in der Selbstdarstellung des IS ist die Vermittlung seines „Staatsverständnisses“,  das auf einer umfassenden Kontrolle des Alltags durch Abschreckung beruht. Bei der Etablierung der neuen Ordnung kommt ein umfangreiches Regelwerk zur Anwendung, das Körperpolitiken in Form von Ernährungs- und Kleidervorschriften ebenso umfasst wie Vorgaben zur Gestaltung des öffentlichen Raumes. So wird beispielsweise das Anbringen von Bildern untersagt, die dem ideologischen Programm von IS zuwiderlaufen könnten. Diese Maßnahmen werden vom IS als „positive Interventionen“ in den Alltag der Menschen kommuniziert und von Straßenpatrouillen der so genannten Hisbah-Milizen kontrolliert. Zu ihrer Durchsetzung bedient sich IS eines Abschreckungsprogramms, das unterschiedliche Eskalationsstufen umfasst – von der Abmahnung über die Festnahme und Züchtigung bis zur öffentlichen Hinrichtung. Die Erniedrigung von Gefangenen und das Zurschaustellen von Ermordeten dienen dabei als permanente Mahnungen im öffentlichen Raum, den Regeln des IS Folge zu leisten.

Öffentliche Hinrichtungen sind aber nicht nur als Abschreckungsmaßnahmen vor Ort gedacht, sondern zunehmend auch als Botschaften an „den Westen“, ganz besonders die USA. So wurde die Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley im August 2014 als ein Bildakt inszeniert, der die symbolische Erniedrigung des Opfers, seine Bekleidung in visueller Reminiszenz an Guantanamo, seine grausame Ermordung und die darauf folgende Verbreitung des Videodokuments in sozialen Netzwerken mit kalkulierter Wirkungsabsicht umsetzte.

Zurschaustellung von Führerkult

„The right doctrine has been implanted into these children.“ (VICE NEWS – The Islamic State 2/5, 05:24)

Die Indoktrination der Gefolgschaft und die Etablierung eines Führerkults sollen die Herrschaft des IS nachhaltig manifestieren. Der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Bagdadi, der seine Abstammung zum Zweck der Legitimation und symbolischen Überhöhung auf den Propheten Mohammed zurückführt, verlangt von seinen Untertanen bedingungslose Treue und Gefolgschaft, die in öffentlichen Huldigungsritualen beschworen werden. Diese formelhaften Proklamationen werden bereits von Kindern verlangt, die zur Indoktrination in die Rituale eingebunden werden. Die Verstetigung der Ordnung durch Wiederholung kommt auch bei der Etablierung eines zeremoniellen Zyklus zum Ausdruck, bei dem sich der IS und seine Machthaber in so genannten „Caliphate Celebrations“ feiern lassen. Die Inszenierung dieser Events verbindet populärkulturelle und sakrale Elemente mit machistischen Ritualen, die einen hohen Gruppendruck erzeugen.

Strategien eines Bildprogramms

Die Besetzung von Orten, die Sichtbarmachung der neuen Ordnung und ihre Verstetigung durch Indoktrination und Führerkult sind drei Elemente aus dem symbolpolitischen Programm des IS, die Aufschluss über das Selbstbild eines sich konstituierenden „Staates“ geben. Das dabei vermittelte Bildprogramm fordert die Sehgewohnheiten und Konventionen des imaginierten Feindes konsequent heraus, indem es sich in einem Spannungsverhältnis dazu inszeniert. Während öffentliche Huldigungen und Exekutionen im profanen Bereich westlicher Demokratien nicht mehr vorzufinden sind, werden sie durch das Bildprogramm des IS sukzessive in das Blickfeld zurückgeholt, was ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erzeugt. Dieser Umstand ist nicht zuletzt als ein Beleg dafür zu verstehen, dass die Terroristen die Gesellschaften ihrer Feinde sehr gut kennen.

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