Wann ist eine Zeichnung rassistisch (oder könnte so verstanden werden)?

Eine Zeichnung sorgt in Teilen der österreichischen Twitteria für Aufregung. Zum wiederholten Mal in nur wenigen Wochen geht es um die Frage, ob eine Zeichnung als rassistisch eingestuft werden kann. Nachdem erst kürzlich eine Karikatur in der Wissenschaftsbeilage der Wiener Stadtzeitung „Falter“ für Diskussionsstoff gesorgt hat, geht es heute um die Illustration eines Artikels zu häuslicher Gewalt. Die Zeichnung zeigt eine schwarze Frau, die ein weißes Kind schlägt. In beiden Fällen werden schwarze Menschen gezeigt, deren Darstellung von mehreren LeserInnen kritisiert wurden. Was sich ebenfalls wiederholte, waren die Reaktionen von Mitgliedern der betroffenen Redaktion. Mit dem Verweis auf die untadelige Haltung der ZeichnerInnen wurde die Kritik an den Darstellungsformen als unberechtigt zurückgewiesen.

Die Argumentation mit der wohlmeinenden Absicht der ZeichnerInnen greift jedoch zu kurz. Denn weder muss den ZeichnerInnen die Vorgeschichte von Bildmotiven oder Bildelementen zu jedem Zeitpunkt und in vollem Umfang bewusst sein, noch bewahren die Selbstverortung als antirassistische KünstlerInnen oder die Einbettung von Zeichnungen in ein links-liberales Medium automatisch vor Fehlern.

Relevant ist nämlich nicht nur die Frage, wie die ZeichnerInnen und ihre KollegInnen die Bilder einschätzen, sondern vor allem auch, wie sie bei ihrem Publikum aufgenommen werden. Dort können die Reaktionen nämlich fundamental anders ausfallen. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch spricht von intentionalen Fehlschlüssen, wenn Menschen ihre eigenen Bedeutungszuschreibungen auch von anderen erwarten. Wenngleich Stefanowitsch seine Beobachtungen aus der Analyse von Sprache abgeleitet hat, haben sie auch für eine Verständigung mit Bildern Relevanz. Der Fehlschluss liegt hier im Gedanken, dass sich die Intention der ZeichnerInnen automatisch auch dem Publikum mitteilt und es von jenen Assoziationen entbindet, die durch einzelne Bildelemente (Knochen im krausen Haar und Machete im ersten, aggressives Auftreten im zweiten Fall) und ihre konventionalisierte (= rassistische) Bedeutung aufgerufen werden. Im August 2012 veröffentlichte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache einen Cartoon auf seiner Facebook-Seite, der antisemitische Bildelemente verarbeitet hat. Die Kritik daran entzündete sich auf Basis der konventionalisierten (= antisemitischen) Bedeutung, die durch ihre Motivgeschichte und insbesondere durch ihre propagandistische Verwendung im Nationalsozialismus entstanden ist. Wer heute einen Geschäftsmann mit einer Hakennase und mit Manschettenknöpfen im Davidsstern-Design zeichnet, muss sich zu Recht mit der antisemitischen Deutungsgeschichte dieser Bildelemente und der daraus resultierenden Tabuisierung auseinandersetzen und kann sich nicht hinter einer satirischen Verwendung oder einem Stilelement verstecken. Warum sollte das bei einem Knochen im krausen Haar oder der Zeichnung einer tobenden Schwarzen anders sein?

Entscheidend für die Einordnung einer Zeichnung ist nämlich nicht nur die Intention der KünstlerInnen oder die Einbettung in ein bestimmtes Medium, sondern eben auch die Bildebene – also das gewählte Motiv, seine spezifische Vorgeschichte und die Bildtraditionen, auf die es zurückgreift. In den diskutierten Fällen könnte ein Blick in die Darstellungsgeschichte schwarzer Menschen helfen, die durch einen „weißen“ Blick auf ihre Körper zur Projektionsfläche künstlerischer Überformungen und exotisierender Imaginationen geworden sind. Die postkoloniale Theoriebildung hat aufgezeigt, wie Motivtraditionen und damit verbundene Bedeutungszuschreibungen konventionalisiert wurden und den Weg für visuelle Stereotype mit rassistischem Gehalt bereitet haben.

Wenn all diese Faktoren bei der Einordnung einer Zeichnung Berücksichtigung finden, bleibt zuletzt noch die Frage, ob Bilder aufgrund ihres deutungsoffenen Charakters nicht besonders leicht missverstanden werden können – selbst dann, wenn sie sich mit Darstellungstraditionen auseinandersetzen und ihren naturalisierenden Gehalt aufzeigen möchten. Mag sein. Manchmal ist gut gemeint einfach nur das Gegenteil von gut – auch bei Zeichnungen.

  1. Man muss noch weiter gehen: Die Intentionen des Künstlers oder Schöpfers sind für die Rezeption nicht von Belang: Hier liegt ein selbständiges Werk vor, das von seinem Urheber durch den Akt der Veröffentlichung auch als solches angesehen wird. Als Leser kenne ich den Schöpfer (womöglich) nicht und trete mit ihm ihn keinerlei Wechselwirkung. Ich kann mich nur auf den Text, das Bild, die Karikatur und meinen Horizont beziehen und lese es in diesem Kontext, zu dem auch das Medium in dem es veröffentlicht wurde, gehört.

    Ich glaube, dass ein per se Bild gar nicht rassistisch sein kann, weil Rassismus intentional ist; für eine entsprechende Bewertung müsste man tatsächlich die Absichten des Autors kennen (sie und die Zeichnung geben erst Aufschluss). — Ein direkter Schluss von der Zeichnung auf die Intentionen des Autors mag zwar plausibel erscheinen, ist streng genommen aber nicht haltbar, weil die Zeichnung nicht seine Meinung oder Absichten widerspiegeln muss (man könnte sogar sagen: je offensichtlicher und plumper die Sache ist, desto eher könnte der Schöpfer mit dem Betrachter spielen oder ihn provozieren wollen).

    Zudem bleibt festzuhalten, dass Werke oft auch entgegen den Intentionen ihrer Schöpfer gelesen werden können.

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