G7 am Gipfel der Inszenierung? Politische Kommunikation, Medien und ein Generalverdacht

Von 7. bis 8. Juni 2015 trafen sich die Staats- und Regierungschefs der führenden westlichen Industriestaaten Deutschland, Frankreich, USA, Kanada, Großbritannien und Japan zum G7-Gipfel in Oberbayern. Wie bei so einem Ereignis üblich, entstanden zahlreiche Fotos der PolitikerInnen: beim Spaziergang duch die beschauliche Berglandschaft, am runden Tisch im Sitzungssaal oder als Gruppe beim so genannten Familienfoto. Einige Bilder, wie etwa das von Michael Kappeler fotografierte Zwiegespräch von Angela Merkel und Barack Obama, erregten besondere Aufmerksamkeit. Das Foto erschien als Coverbild zahlreicher internationaler Zeitungen und fand als so genanntes Merkelmeme massenhafte Verbreitung im Netz.

Beschäftigt man sich etwas häufiger mit strategischer politischer Kommunikation, überraschen die beim Gipfel entstandenen Fotos nur wenig. Bei vielen handelt es sich um etablierte Bildformeln, die auf Jahrhunderte alte Traditionen zur Darstellung von Politik zurück greifen. Das Familienfoto etwa, das idealisierte Vorstellungen von Familie auf die Politik überträgt, zeigt nicht nur eine Gruppe von PolitikerInnen, sondern transportiert durch die egalitäre Bildstruktur auch ein bestimmtes Verständnis von Politik: die Fiktion von Gleichheit.

Der Umstand, dass Politik immer schon auf eine expressive Komponente und die damit verbundene Symbolik angewiesen war, dürfte für einige JournalistInnen dennoch überraschend sein. Bereits während des Gipfels mehrten sich die Kommentare, es handle sich bei der Veranstaltung um eine glatte Inszenierung. Der Inszenierungsbegriff wird dabei durchwegs negativ verwendet und mit dem Vorwurf einer bewussten Täuschung des Publikums verbunden. „Wer Botschaften verkaufen will, braucht schönen Schein“ heisst es etwa bei ZDF Heute. Nichts von dem, was am Gipfel zu sehen sei, sei „echt“. Auch die TAZ – merklich aufgeregt über die nach dem Muster von Grossevents und den damit verbundenen Sicherheitsvorkehrungen organisierte Veranstaltung – gibt sich kritisch: „Wir müssen dabei sein, um Inszenierungen als solche begreifen und beschreiben zu können. Und wir müssen alles dafür tun, dass die Inszenierung nicht gewinnt.“

Die Inszenierung soll also nicht „gewinnen“, liebe JournalistInnen? Habt Ihr da nicht vielleicht einen wichtigen Faktor vergessen?

In sozial- und kulturwissenschaftlichen Debatten wird der Inszenierungsbegriff nicht mit negativer Konnotation verwendet, sondern dient der Beschreibung einer grundlegenden Kategorie sozialen Handelns. Wir alle inszenieren uns in unterschiedlichen Rollen, Inszenierungen sind Teil des Alltagshandelns. Auch der Journalismus wirkt an der Inszenierung von Politik mit, nur macht er diesen Umstand selten zum Thema. Seine Auswahlprozesse und die Verdichtung politischer Zusammenhänge machen den Journalismus nicht zum neutralen Vermittler, sondern stets auch zum Deuter politischer Ereignisse.

Ein Journalismus, der sich der Organisation einer politischen Veranstaltung intensiver widmet als der Einordnung ihrer Ergebnisse, muss sich daher die Frage gefallen lassen, ober er nicht genau jenem „schönen Schein“ (ZDF Heute) aufsitzt, den er zu kritisieren vorgibt. Und ob er nicht auch den Eigenanteil von Medien an jener Dynamik verkennt, die politische Kommunikation in immer stärkeren Maße strukturiert.

Die strategische politische Kommunikation reagiert auf den Täuschungsvorwurf, indem sie die „Hinterbühne“ des Geschehens und das Zustandekommen so genannter „Photo Opportunities“ ins Bild bringt. Auf der Facebook-Seite der deutschen Bundesregierung wurden mehrere Fotos veröffentlicht, die die Konstruktion von Foto-Settings und die Arbeit von JournalistInnen während des Gipfels zeigen. Trotzdem lässt sich der Vorwurf der Täuschung nicht entkräften – im Gegenteil. JournalistInnen verstärken ihn, indem sie sich als AufdeckerInnen vermeintlich obskurer Machttechniken inszenieren. Dieser Gestus kommt beim Publikum gut an, schlägt er doch in die Kerbe des Generalverdachts, Politik sei nicht viel mehr als Show. Das trägt weder zu einem Vertrauensgewinn in die Politik bei, noch hilft es dem Journalismus.

Politik wird auch in Zukunft nicht ohne ihre Darstellungsdimension auskommen. Und das muss sie auch nicht. Viel wichtiger ist schließlich die Frage, welche Ergebnisse sie erzielt.

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