Wie mit einem Foto Politik gemacht wird

Selten hat ein Foto in Österreich so einen Wirbel erzeugt. Als der KURIER-Fotograf Jürg Christandl am 3. Juni eine FPÖ-Demo vor einem AsylwerberInnenheim im 3. Wiener Gemeindebezirk fotografiert, kann er noch nicht ahnen, dass eines seiner Bilder über Tage anhaltende öffentliche Diskussionen, Spekulationen und Anschuldigungen auslösen wird. Er macht nur seinen Job und fotografiert eine Veranstaltung, bei der etwa 20 FPÖ-AnhängerInnen Schilder in die Kamera halten. „NEIN zum Asylantenheim“ ist darauf zu lesen. Auch als ein kleiner syrischer Junge in Begleitung zweier Erwachsener an der Demo vorbei kommt, um in das Gebäude zu gelangen, drückt Christandl auf den Auslöser. Später verbreitet er das Foto auf Twitter und kommentiert es mit den Worten „FPÖ begrüßt geflüchtete Kinder in Erdberg“. Der Tweet wird in den nächsten Stunden und Tagen über tausend Mal geteilt.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bezeichnet das Foto in Folge sowohl in einer Fernsehdiskussion (ORF IM ZENTRUM am 7. Juni 2015) als auch in einer Nachrichtensendung (ORF ZIB 2 am 10. Juni 2015) als Manipulation. Das Kind, so Strache, sei „mit einem Fotografen positioniert vorbei geführt worden“. Der Fotograf Jürg Christandl dementiert Straches Aussage gegenüber der Austria Presse Agentur und löst eine Welle der Berichterstattung aus, unter anderem in der Tageszeitung DER STANDARD, in der Wiener Stadtzeitung FALTER (wo die Geschichte des kleinen Jungen recherchiert wurde), in den SALZBURGER NACHRICHTEN oder auf ORF.AT. Der Chefredakteur der Tageszeitung KURIER stellt sich demonstrativ hinter seinen Fotografen und weist den Manipulationsvorwurf zurück („Das Foto zeigt die traurige Wahrheit„). Laut eines Berichts der Tageszeitung DER STANDARD vom 11. Juni 2015 wird der KURIER Heinz-Christian Strache auf Kreditschädigung klagen.

Warum löst das Foto so heftige Debatten aus? Was lässt sich aus der anhaltenden Diskussion um das Foto über die Funktion von Bildern in politischen Auseinandersetzungen lernen? Da ich mich mit der zweiten Frage aktuell im Rahmen eines Seminars an der Universität Wien beschäftige, möchte ich hier ein paar Punkte zusammenfassen, die mir für die Debatte wesentlich erscheinen:

Symbolische Bedeutung und assoziative Logik

Fotos können ein Thema symbolisch verdichten und auf den Punkt bringen. Die anhaltende politische Debatte in Österreich, wie mit geflüchteten Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten umgegangen werden soll, die Instrumentalisierung der Themen Migration, Flucht und Asyl durch die FPÖ, die Zugewinne der FPÖ bei zwei Landtagswahlen und ihre darauf folgende Regierungsbeteiligung im Burgenland bilden den politischen Rahmen, in dem die Debatte um das Foto stattfindet. Für viele BeobachterInnen bringt das Bild die Haltung der FPÖ gegenüber geflüchteten Menschen und ein dadurch begünstigtes Klima des Ressentiments auf den Punkt. Die symbolische Verdichtung des Fotos – auf der einen Seite ein Kind, das aus dem Krieg in Syrien nach Österreich geflohen ist, um hier Schutz zu suchen, auf der anderen Seite DemonstrantInnen, die ihm diesen Schutz verwehren wollen – trägt massiv zur Verbreitung des Fotos bei. Denn das Motiv ruft über den aktuellen Fall hinaus die Assoziation einer Auseinandersetzung zwischen „Gut“ (Schutz suchendes Kind) und „Böse“ (DemonstrantInnen, die ihm den Schutz verwehren wollen) auf.

Die Politikwissenschaftlerin Marion Müller erklärt, dass Bilder einer assoziativen Logik folgen. Formale oder stilistische Ähnlichkeiten begünstigen inhaltliche Analogieschlüsse, die räumliche und zeitliche Diskrepanzen außer Kraft setzen (Müller 2003, 83): „Die Macht der Bilder ist unmittelbar. Sie liegt in ihrer assoziativen Überwindung von Raum und Zeit“ (ebd.). Im konkreten Fall führt die assoziative Logik des Fotos dazu, dass zahlreiche NutzerInnen das Bild in Kombination mit historischen Aufnahmen von Nazi-Anhängern verbreiten. Auf ORF.AT wird der Fotograf Jürg Christandl dazu folgendermaßen zitiert: „Das geht sogar mir zu weit, aber ich habe das nicht mehr steuern können.“ Die Nicht-Steuerbarkeit einer Verbreitung von Fotos erweist sich vor allem in sozialen Netzwerken als Problem, wo Bilder oft aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen Verbreitung finden und mit neuen Deutungen versehen werden. Dazu Marion Müller:

„Die assoziative Kraft der Bilder kann zu einer Spirale sich steigernder Entdifferenzierung führen, die nur schwer zurückzudrehen ist. Bilder prägen sich dem kollektiven Gedächtnis stärker ein als Worte. Zudem lösen fotografische Momentaufnahmen bei den Bildbetrachtern die Empfindung von Authentizität und Augenzeugenschaft aus, die leicht auf visuell ähnlich erscheinende Ereignisse übertragen werden kann.“ (Müller 2003, 88).

Der Grund dafür ist nicht zuletzt in den emotionalen Reaktionen zu suchen, die Fotos mit Kindern in politischen Zusammenhängen auslösen können. Das hat auch die FPÖ verstanden. So versucht sie, in der öffentlichen Debatte das Verhältnis zwischen „Gut“ und „Böse“ umzukehren, indem sie den Vorwurf der Manipulation ins Spiel bringt. Dieser Vorwurf greift nicht nur auf ein Muster in der Beschäftigung mit Fotos in der Politik zurück, die immer wieder unter Manipulationsverdacht geraten, sondern auch auf ein Muster in der kommunikativen Strategie der FPÖ, sich als verfolgt und ausgegrenzt zu inszenieren – auch bzw. ganz besonders gegenüber JournalistInnen. Der Manipulationsvorwurf richtet sich diesmal an einen Fotojournalisten, der in seiner Berufsausübung Regeln und Konventionen verpflichtet ist, die journalistische Objektivität und Authentizität gewährleisten. Der Vorwurf der Manipulation wiegt daher so schwer, dass er ein gerichtliches Nachspiel haben wird. Denn es geht nicht nur um die Glaubwürdigkeit des Fotografen, sondern auch um die der Zeitung. Ungeachtet des Ausgangs behaupte ich, dass die FPÖ diese Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit nicht gewinnen wird. Symbolische Bedeutung und assoziative Logik lassen sich nicht durch Worte entkräften. Dafür ist das Foto zu stark.

Zitierte Literatur

Müller, Marion G. 2003: Grundlagen der visuellen Kommunikation, Konstanz: UTB

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