#NotAnotherBrother: Gegenstrategien zur Propaganda des „Islamischen Staates“

Die Radikalisierung hunderter westlicher IS-SympathisantInnen während des letzten Jahres hat die Regierungen der USA, Frankreichs und Großbritanniens dazu veranlasst, Gegenstrategien zur Online-Propaganda des so genannten „Islamischen Staates“ zu entwickeln. Ein bemerkenswerter Versuch stammt aus Großbritannien und wurde am 3. August 2015 in sozialen Netzwerken verbreitet. Es handelt sich um ein Video, das einen britischen Kämpfer in einem Kriegsgebiet (vermutlich in Syrien oder im Irak) zeigt. Der junge Mann sitzt in einem düsteren Raum, er ist verletzt und blutet. Von draußen sind Schüsse und Granateneinschläge zu hören. In der Dunkelheit des Raumes liest der junge Mann einen Brief seines älteren Bruders, dessen Stimme als Voiceover zu hören ist. Er entschuldigt sich dafür, den jüngeren Bruder durch seine Worte radikalisiert zu haben und bittet ihn, nach Hause zu kommen:

„I’d tell you I was sorry“ […] „I wish I could take back every time I sent you a Tweet or got all gassed up saying about how the West has turned its back on us.“

Das Video endet mit der Aufforderung „Don’t let your words turn our brothers into weapons“.

Das Video ist Teil der Kampagne #notanotherbrother der Quilliam Foundation, einem britischen Think Tank, der sich gegen extremistische Propaganda richtet, und wurde von der Londoner Agentur Verbalisation auf Basis mehrmonatiger Forschung produziert. An der Produktion haben neben PsychologInnen, WerbeexpertInnen und Narrativ-ForscherInnen auch MitarbeiterInnen des britischen Geheimdienstes mitgewirkt. Die Kampagne richtet sich an potenzielle IS-SympathisantInnen – vor allem in Großbritannien.

Ein wesentlicher Teil der IS-Propaganda zielt darauf ab, das selbst ernannte Kalifat als utopische Gesellschaft darzustellen und als Staat zu inszenieren. Diese Strategie wird von Terror-ExpertInnen als besonders gefährlich eingestuft, da sie jungen Menschen eine Perspektive als heroische Kämpfer eröffnet und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verspricht. Das #notanotherbrother Video versucht sowohl auf der visuellen als auch auf der erzählerischen Ebene, diese Strategie zu konterkarieren. Jonathan Russell von der Quilliam-Foundation erklärt dazu im London Evening Standard:

„I think in terms of visual impact it rivals [IS], who are renowned for their Hollywood-style impact“.

In der emotionalen Ansprache des Publikums beschreitet das Video neue Wege. Während US-amerikanische Strategien – wie beispielsweise das Video Welcome to the ‚Islamic State‘ land – nicht zuletzt wegen der Verwendung von brutalem IS-Bildmaterial und unangebrachtem Sarkasmus kritisiert wurden, bemüht sich das #notanotherbrother um ein Gegennarrativ, das die menschliche Seite hinter einem Anschluss an die Terrormiliz beleuchtet. Sven Hughes von der Agentur Verbalisation zeigt sich in einem Interview mit dem Independent von der Strategie überzeugt:

„It’s a little bit of a fight back in terms of more effective communications techniques to give the other side of the story, a responsible informed alternative narrative, which hopefully [prospective jihadists] will consider as they’re going through the consideration phase of recruitment“.

Ob das Video seinen Zweck erfüllen wird, ist noch nicht absehbar, doch kann die Produktion schon jetzt als ein Fortschritt in den Gegenstrategien zur IS-Propaganda gewertet werden.  Sie nimmt Abstand von der Verbreitung von IS-Bildmaterial und versucht erst gar nicht, die Terrormiliz mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Diese Strategie hat nämlich bislang nicht funktioniert.

Weiterführende Literatur zum Thema:

The Telegraph: „Military marketers target Isil with anti-radicalisation campaign“ | The Washington Post: „In a propaganda war against ISIS, the U.S. tried to play by the enemy’s rule“ | The Independent: „‚Psyops’ operatives and former special forces personnel deployed to tell Muslims: don’t join Isis“ | Newsweek: „Think-Tank Releases Anti-Radicalisation Video to Counter ISIS Propaganda“

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