Was Terrorbilder können – und was nicht

Auf Twitter macht einmal mehr der Vorschlag die Runde, dass Terrorbilder des so genannten „Islamischen Staates“ zu Aufklärungszwecken verbreitet werden sollen. Diesmal wird der Vorschlag mit dem Argument verknüpft, die grauenhaften Bilder könnten für das Leid flüchtender Menschen und für ihre Beweggründe zur Flucht nach Europa sensibilisieren. Ich halte dieses Argument für einen gefährlichen Kurzschluss.

Zunächst unterschätzt es die komplexe strategische Kompositionslogik von Terrorbildern des IS. Die szenische Inszenierung exzessiver Gewalt und die ikonoklastische Zerstörung von Bauwerken – zuletzt des Baal Shamin Tempels in Palmyra – folgen einer Bildstrategie, die die Verbreitung des Propagandamaterials bereits mitdenkt. Was heißt das konkret?

Die Terrorbilder des IS suggerieren dem Publikum, ZeugInnen von etwas Unvorstellbarem zu werden, das hergezeigt und angeklagt werden muss. Durch die spezifischen Wahrnehmungseffekte der Bilder glauben BetrachterInnen, es handle sich dabei um AugenzeugInnenschaft. Dabei vergessen sie, dass diese Bilder strategisch inszeniert und für die Kamera geschaffen wurden. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat das in seinem Buch „Theorie des Bildakts“ folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

„Beginnend mit der Ermordung des Amerikaners Nicolas Berg (2004) und des Italieners Fabrizio Quattrocchi (2006) wurden mehrfach Geiseln mit dem Zweck getötet, Bilder der Hinrichtung zeigen zu können. Damit aber war die historisch immer wieder anzutreffende Praxis der Transformation von Körpern feindlicher Soldaten und Funktionsträgern des Feindes in Trophäen der Abschreckung, wie sie Francisco de Goya festgehalten hat, überführt in die Praxis, Menschen nicht als Bild zu zeigen, weil sie getötet worden waren, sondern sie zu töten, um sie als Bild einsetzen zu können“ (Bredekamp 2013 [3. Auflage], 228).

Der letzte Satz ist für seine Argumentation besonders wichtig: Menschen werden getötet, um sie als Bild einsetzen zu können. Die suggerierte AugenzeugInnenschaft macht das Publikum von Terrorbildern zu Beteiligten. Es bringt sie dazu, den Zweck der Terrorbilder – ihre möglichst breite Streuung – zu erfüllen. Eine Verbreitung der Terrorbilder durch IS-GegnerInnen hilft aber nicht den aus der Region flüchtenden Menschen. Sie hilft in erster Linie dem IS.

Denn die Terromiliz hat ein vitales Interesse daran, einen hohen Verbreitungsgrad ihrer Botschaften in verschiedenen Teilöffentlichkeiten zu erreichen. Da geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob mit den Terrorvideos RekrutInnen gewonnen oder KämpferInnen gegen den IS abgeschreckt werden können, sondern auch um die Frage, wie als feindlich eingestufte, vornehmliche westliche Gesellschaften durch permanente Terrormeldungen verunsichert werden können. Führende TerrorexpertInnen wie Jessica Stern und J.M. Berger (die AutorInnen des exzellenten Buches „ISIS. The State of Terror„)  raten daher, Terrorbotschaften nicht zu verbreiten, sondern besser die Geschichten jener Menschen zu erzählen, die dem Terror entkommen sind.

Zuletzt sei noch ein Punkt angeführt, der die angenommene Wirkung der Terrorbilder in der österreichischen Öffentlichkeit betrifft: wer für Menschen, die vor den Bomben des Assad-Regimes und des Schlächtern des IS fliehen, kein Verständnis und keine Empathie aufbringen kann, den werden auch Terrorbilder nicht zum Umdenken bringen. Im Zweifelsfall verstärken diese Bilder wohl eher subjektive Unsicherheitsgefühle sowie Vorurteile und Ressentiments gegenüber religiösen Minderheiten, als dass sie einen Nachdenkprozess anregen.

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