Fotos toter Menschen: ein medienethisches Tabu?

Die Kronen Zeitung hat in ihrer Printausgabe vom 28. August 2015  ein Foto abgedruckt, das die Leichen von Flüchtlingen auf der Ladefläche eines Kleinlasters zeigt. Die Publikation des Fotos hat eine emotionale Debatte in sozialen Netzwerken ausgelöst, ob Medien solche Bilder überhaupt zeigen sollen. Die Initiative Qualität im Journalismus verurteilte die Publikation als „unentschuldbaren Tiefpunkt im österreichischen Journalismus„. Der Presserat kündigte an, sich mit dem Fall zu befassen. Für Diskussionsstoff sorgte aber nicht nur die Publikation, sondern auch die Entstehungsbedingung des Fotos. Es dürfte gemacht worden sein, als PolizistInnen den Laderaum des Transporters geöffnet haben. Ob es im Zuge der Amtshandlungen oder von einem Krone-Fotografen aufgenommen wurde, ist derzeit noch Gegenstand von Untersuchungen. Innenministeriumssprecher Alexander Marakovits spricht im STANDARD von einer aufklärungsbedürftigen „Komplizenschaft zwischen den Sicherheitsbehörden und der ‚Krone'“.

Die Frage, ob und unter welchen Bedingungen die Fotos toter Menschen in Medien gezeigt werden sollten, ist immer wieder Gegenstand medienethischer Debatten. Erst 2014 beteiligten sich im Kontext der Ukrainekrise, des Gaza-Kriegs, des Kriegs in Syrien und des Ebola-Ausbruchs zahlreiche internationale Medien – darunter die New York Times und der Guardian –  an einer über Wochen andauernden Diskussion (ich habe zu dieser Debatte gebloggt; der Journalist Fabian Mohr hat hier einige interessante Argumente zusammengefasst). Die besondere Schutzwürdigkeit von Abgebildeten und RezipientInnen macht diese Auseinandersetzung immer wieder aufs Neue erforderlich. Dabei geht es nicht nur um medienrechtliche Aspekte, sondern auch um die Selbstkontrolle und ethische Positionierung von Medien.

Ich glaube, dass sich die Frage nicht grundsätzlich mit „ja“ oder „nein“ beantworten lässt. Fotos sind aufgrund ihres Authentizitätseindrucks ein zentraler Faktor in der medialen Berichterstattung. Sie weisen auf Misstände hin, lenken unsere Aufmerksamkeit und stellen einen emotionalen Bezug zu komplexen Themen her – vor allem, wenn es um Krieg, Konflikt und das damit verbundene Elend geht:

„Bilder, die auf schockierende Weise Leiden, Schmerz und Demütigung vor Augen führen, werden zu einer ‚moralischen Anstalt‘ und verwirklichen zugleich das Recht, über die Verletzungen der Menschenwürde bildlich informiert zu werden“ (Frankenberg/Niesen 2004, 37).

Selbstverständlich ist es wichtig, die menschlichen Kosten eines Krieges sowie Leid und Tod ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu holen. Dazu können auch Bilder notwendig sein, die das Leid sichtbar machen. Dieses Argument ist allerdings kein Freibrief für Medien, den „shock value“ verstörender Fotos zur Aufmerksamkeitsgenerierung und Auflagenmaximierung zu nutzen. Denn gerade die Verwendung medienethisch sensibler Bilder muss besonders sorgfältig begründet werden.

Die Krone argumentierte in einer Rechtfertigung auf Twitter, dass auch Fotos von Holocaust-Opfern gezeigt werden dürfen, um sie als Mahnung einzusetzen (Krone-Redakteur Kurt Seinitz dazu: „wir sehen unbeanstandet berge von kz-leichen – und so soll es als mahnung auch sein!„). Die Rechtfertigung mit dem Verweis auf historische Fotos ist allerdings eine problematische Strategie. Denn sie blendet jene komplexen gesellschaftlichen Prozesse aus, durch die ein Foto erst zu einem Referenzbild für ein historisches Eeignis werden konnte bzw. einen bestimmten Status im kollektiven Gedächtnis erlangt hat. Vielen historischen Fotos – und da sind die Fotos von Holocaust-Opfern keine Ausnahme –  wurde nachträglich eine Wirkung zugeschrieben, die sie zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme nicht hatten. Gerade in Österreich war ein jahrzehntelanger, mühsamer gesellschaftspolitischer Diskussionsprozess notwendig, bis die Abkehr von der Opferthese und eine klare Haltung zum Nationalsozialismus im kollektiven Bewusstsein etabliert werden konnten – bei manchen dauert dieser Diskussionsprozess leider immer noch an.

Ähnlich verhält es sich mit dem Foto des neunjährigen Napalm-Opfers Kim Phúc, einem ikonischen Bild aus dem Vietnamkrieg. Das Foto wird immer wieder als Rechtfertigung für „graphic images“ herangezogen. Wie der Historiker Gerhard Paul herausgearbeitet hat, wurde die heute weit verbreitete Deutung eines kriegsbeendenden Fotos aber erst sukzessive an das Bild heran getragen. Die „mahnende Wirkung“ aktueller Fotos mit historischen Beispielen zu rechtfertigen, ist also nicht unproblematisch. Denn die herangezogenen ikonischen Fotos waren oft weder Auslöser, noch Motor gesellschaftlicher Prozesse, sondern wurden erst in der retrospektiven Betrachtung zu solchen gemacht.

Aber ließe sich eine mahnende Wirkung des Krone-Fotos nicht vielleicht mit der aktuellen Berichterstattung der Kronen Zeitung begründen? Dazu wäre zunächst ein Blick auf die Berichterstattungspraxis der Krone zu den Themen Flucht, Vertreibung und Asyl notwendig. Diese ist – vorsichtig vormuliert – äußerst diskussionswürdig. Dass der Krone also plötzlich das Schicksal geflüchteter Menschen ein Anliegen ist und sie zu einem menschlichen Umgang mit ihnen mahnt, darf angesichts der bisherigen Berichterstattung in Zweifel gezogen werden. Wahrscheinlicher ist also, dass die Publikation des Fotos aus anderen Beweggründen erfogt ist.

Kann es denn überhaupt eine sinnvolle Begründung für die Publikation von Leichenfotos geben? Ließe sich ein Rahmen definieren, der das Zeigen solcher Bilder möglich macht? Ist Wegschauen tatsächlich die einzige Option, um die Würde der Abgebildeten zu wahren und den Blick der RezipientInnen zu schützen?

Die kontroversielle Diskussion um die Publikation des Fotos toter Flüchtlinge hat gezeigt, dass Österreich eine medienethische Debatte vertragen könnte, die die verantwortungsvolle Verwendung von Bildern zum Thema macht. Im schlimmsten Fall führt der Tabubruch der Krone zu reflexhaften Reaktionen und einem kategorischen „nein“ und bringt die Debatte um Fotos zum Erliegen. Im besten Fall regt er eine Reflexion um die Frage an, was Bilder zum Verständnis komplexer politischer Ereignisse sowie zur Bewusstseinsbildung beitragen und wie Redaktionen mit der daraus resultierenden Verantwortung umgehen können.

Zitierte Literatur:

Frankenberg, Günter / Niesen, Peter (Hrsg.) 2004: Bilderverbot. Recht, Ethik und Ästhetik der öffentlichen Darstellung. Münster.

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