Terrorangst und der „Angriff auf die Freiheit“

Die Terroranschläge von Paris im Jänner und November dieses Jahres lösten neben zahlreichen politischen, journalistischen und zivilgesellschaftlichen Reaktionen auch eine Reihe an künstlerischen Beiträgen aus, die sich mit den Anschlägen auseinander gesetzt haben. Bereits wenige Stunden nach den Angriffen verbreitete sich in soziale Netzwerken eine Zeichnung des Grafikers Jean Jullien, in der das Peace-Zeichen mit dem Eiffelturm verschmilzt. Julliens Beitrag unter dem Hashtag #PeaceforParis wurde zum bekanntesten und meist geteilten Bild nach den Anschlägen.

https://twitter.com/jean_jullien/status/665305363500011521

Die künstlerische Einordnung von Terroranschlägen durch Symbole ist ein Phänomen, das spätestens seit den Anschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und auf einen jüdischen Supermarkt im Jänner 2015 zu beobachten ist. Während auf die Anschläge im Jänner und die Ermordnung von Redaktionsmitgliedern der Satirezeitschrift Charlie Hebdo durch das Zeichnen von Bleistiften Bezug genommen wurde, waren es diesmal zwei andere Motive, die die Auseinandersetzungen dominierten: der Eiffelturm und die Marianne.

In zahlreichen Zeichnungen (gesammelt u.a. hier und hier) war eine trauernde Marianne zu sehen, die vor dem Eiffelturm kauert oder ein zerschossenes Fahnentuch flickt. Der Eiffelturm wiederum kam als Angriffsziel ins Bild – mit blutigem Fahnentuch, bedroht von dunklen Wolken, geknickt oder abgebrochen.

Warum bekommen gerade diese beiden Motive so viel Aufmerksamkeit? Die Figur der Marianne gilt als Verkörperung der französischen Republik, die ihren Ursprung in der französischen Revolution hat. Die kämpferische Frauengestalt, die mit entblößtem Oberkörper, Trikolore und Jakobinermütze dargestellt wird, steht allegorisch für Freiheit und Republik. Ihr Bildnis ist auf Briefmarken oder Münzen zu sehen, ihre Büste steht in Rathäusern, ihre Statue auf öffentlichen Plätzen. Der Eiffelturm wiederum gilt als zentrales Symbol der Stadt Paris und als ikonisches Bauwerk der Moderne. Er wurde für die Weltausstellung 1889 anlässlich der Hundertjahrfeier der Französischen Revolution errichtet.

Wie lässt sich diese motivische Verdichtung auf zwei zentrale Symbole Frankreichs deuten? Zunächst geben die Motive Aufschluss darüber, wie KünstlerInnen aus verschiedenen Ländern die Anschläge einordnen und interpretieren. Die Auswahl von Motiven ist dabei kein Zufall. KünstlerInnen müssen davon ausgehen können, dass ihre Bilder von möglichst vielen Menschen ohne ausführliche Erklärungen verstanden werden, denn die Zeichnungen werden über verschiedene Kanäle (soziale Netzwerke, Printmedien, u.a.) verbreitet und treffen auf ein heterogenes Publikum.

Bereits nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo kristallisierte sich eine Deutung der Ereignisse heraus, die durch die Anschläge vom November noch einmal verstärkt wurde: der „Angriff auf die Freiheit“.

Waren es im Jänner gezeichnete Bleistifte, die als Symbol der Freiheit (v.a. der Meinungs- und Pressefreiheit) attackiert wurden, ist es diesmal das französische Symbol der Freiheit schlechthin – die Marianne. Durch die Zusammenführung des Freiheitsmotivs mit dem Motiv des Eiffelturms als Symbol der Stadt Paris und als ikonisches Bauwerk der Moderne wird dieser Angriff als ein Angriff auf eine spezifische Lebensweise gerahmt, die mit Freiheit konnotiert ist.

Diese Rahmensetzung ist aber nicht nur auf der Bildebene präsent, sondern zieht sich auch durch Politik und Journalismus. In ihrer Reaktion auf die Anschläge erklärte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, dass es sich dabei um einen „Angriff auf die Freiheit“ handle, der nicht nur Paris gelte. Talkshows thematisieren die Anschläge als „Angriff auf die Freiheit“, Magazine – wie zuletzt das österreichsiche Nachrichtenmagazin NEWS – setzen die „bedrohte Freiheit“ mit einem Bild des Eiffelturms auf ihr Titelblatt.

Diese Rahmensetzung ist also eine hoch politische. Bereits bei der Rede vom „Krieg gegen den Terror“ in Folge der Anschläge des 11. Septembers 2001, die Medien gleichermaßen dankbar wie unkritisch von der Politik übernommen haben, wurden repressive sicherheitspolitische Maßnahmen als Notwendigkeit gerahmt, um sie einer verunsicherten Öffentlichkeit „schmackhaft“ zu machen. Der Rahmen vom „Angriff auf die Freiheit“ könnte – wenn er nicht kritisch hinterfragt und eingeordnet wird – bald ähnlichen Zielen folgen.

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