Barack Obamas letzte State of the Union: ein Lehrstück für politisches Storytelling

Gestern Nacht hat Barack Obama seine letzte Rede zur Lage der Nation (State of the Union) gehalten. Erwartungsgemäß konzentrierte sich der US-Präsident diesmal weniger auf Policy Proposals, also auf eine Darstellung seiner politischen Agenda für das letzte Amtsjahr, sondern vielmehr auf große Fragen, die die USA über das Ende seiner Präsidentschaft hinaus beschäftigen werden: wirtschaftlicher Wandel, technologische Veränderungen und geopolitische Herausforderungen. Diese Themen verband Obama mit einer Einordnung seiner Amtszeit und ihrer größten Erfolge, insbesondere einer Überwindung der Rezession, der Einführung einer Krankenversicherung, der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare oder der veränderten Beziehungen zu Kuba.

Transmediale Erzählstrategien

Wie bereits in den letzten Jahren war auch die SOTU 2016 als eine transmediale Erzählung auf unterschiedlichen Kanälen konzipiert. Am 11. Jänner gab das Weiße Haus die Einrichtung eines Snapchat-Accounts bekannt, um einen Blick hinter die Kulissen der Rede zu ermöglichen. Diese Maßnahme fügt sich konsequent in die Digitalstrategie des Weißen Hauses, die sich unter dem Motto „meeting people where they are“ eine Erweiterung ihrer Kanäle und damit auch ihrer möglichen Zielgruppen vorgenommen hat. Chief Digital Officer Jason Goldman hat diese Strategie in einem Blogeintrag auf der Plattform Medium folgendermaßen erklärt:

„On Tuesday, the American people will see a multi-platform streaming and social broadcast of the State of the Union that reflects the ways people experience live events in 2016. We’ll be reaching people where they are — and making it possible for them to engage, respond, and share the President’s speech themselves in new and different ways.“

Neben der klassischen Fernsehübertragung ist die SOTU über die Website und den Youtube-Kanal des Weißen Hauses sowie als on-demand Video verfügbar. Diese „enhanced versions“ erweitern die SOTU um umfangreiches Bildmaterial (z.B. Datenvisualisierungen, Fotos), das während der Rede zur Bekräftigung von Argumenten oder zum Agenda Setting eingesetzt wird. Wie bereits in den Vorjahren sind darüber hinaus Videoausschnitte der Rede auf Facebook und Twitter zu sehen. Ergänzt wird das Angebot durch GIFs auf Tumblr, 6-Sekunden-Videos auf Vine und Fotos auf Instagram. Damit setzt das Digital Office auf neue und alte Kanäle des Weißen Hauses und ihre unterschiedlichen Zielgruppen. Wie bereits in den letzten Jahren ermöglicht der konzertierte Einsatz verschiedener Kanäle nicht nur den Aufbau eines transmedialen Spannungsbogens, der von der Vorbereitung über das Hauptevent bis zur Nachbereitung reicht (z.B. die Weiterführung von Hashtags, die während der Rede eingeführt wurden), sondern auch einen multiperspektivischen Blick auf Akteurinnen und Akteure hinter den Kulissen.

Geschichten in Bildern

Eine wesentliche Rolle spielt dabei das Erzählen mit Bildern bzw. durch Bilder – eine Strategie, die Obama bereits während seiner Wahlkämpfe und ganz besonders im Zuge seiner Amtszeit genutzt hat. Das FotografInnen-Team des White House Photo Offices – allen voran Pete Souza – hat Obama in beruflichen und semi-privaten Momenten begleitet und ein umfangreiches Fotoarchiv geschaffen. In Jahresrückblicken oder Photo Essays lassen die FotografInnen regelmäßig ihre Arbeit Revue passieren und tragen durch die Auswahl besonderer Bilder zur visuellen Selbsthistorisierung der Obama-Präsidentschaft bei.

Das fotografische Bildmaterial ist ein wichtiges Element strategischen Framings und der Imagebildung des Präsidenten. Daher ist es nicht überraschend, dass Fotos auch im Rahmen der letzten SOTU eine wichtige Rolle gespielt haben. Neben zahlreichen Fotos aus Obamas Amtszeit (z.B. als „man of the people“ oder mit AmtskollegInnen) wurden heuer auch ikonische Fotos aus der US-amerikanischen Geschichte (z.B. Mondlandung, Blue Marble) in die „enhanced version“ der Rede eingebaut.  Auf Instagram wurden bereits im Vorfeld Fotos berühmter Amtsvorgänger Obamas – Ronald Reagan, John F. Kennedy, Dwight D. Eisenhower und Franklin D. Roosevelt – veröffentlicht, die als bedeutsame Präsidenten der US-amerikanischen Geschichte erinnert werden und in deren Reihen sich Obama durch die visuelle Bezugnahme einordnen möchte. Diese Strategie einer Bezugnahme auf bedeutende Persönlichkeiten wie beispielsweise Martin Luther King oder Rosa Parks hat Obama während seiner Wahlkämpfe und seiner Amtszeit konsequent umgesetzt. Dabei sind einige der bekanntesten Fotos der Präsidentschaft entstanden. Eines davon – das berühmte Foto zum Selma 50th Anniversary March – wurde während der Rede einmal mehr über den Twitter-Account des Weißen Hauses verbreitet.

Der Einsatz von Bildmaterial während einer SOTU beschränkt sich allerdings nicht nur auf Fotos. Mit unterschiedlichem Bildmaterial (z.B. Datenvisualisierungen) werden Argumente visuell unterstützt oder Themen eingeführt. 2015 erklärte Obama in seiner Rede den Klimaschutz zu einem wichtigen Thema des Amtsjahres, das auf unterschiedlichen Kanälen unter dem Hashtag #ActOnClimate fortgeführt und zu Anlässen wie der Alaskareise des Präsidenten oder dem Weltklimagipfel in Paris inhaltlich vertieft wurde. Auch heuer wurde das Thema erneut in die Rede aufgenommen und der Erzählstrang fortgesetzt.

Die SOTU als Erzählung über die Präsidentschaft

Obamas Team hat die Bedeutsamkeit der SOTU für eine Einordnung der Präsidentschaft verstanden. Daher wurde die Rede nicht nur als ein Beitrag zur Selbsthistorisierung konzipiert, sondern vor allem auch als eine Geschichte, die in die Zukunft weisen soll. Wie bereits in seinen erfolgreichen Wahlkämpfen entwirft Obama diese Zukunft als Zielvorstellung, die nur durch eine gemeinsame Anstrengung realisiert werden kann. In seiner letzten State of the Union kommt Obama daher auf jenes Leitmotiv zurück, das seinen ersten erfolgreichen Wahlkampf geprägt hat: die Hoffnung auf eine Veränderung zum Besseren.

Dieser Hoffnung verleiht Obama im Finale seiner Rede noch einmal Ausdruck, bevor er sie mit für die USA gewohnt pathetischen Worten beschließt:

„That’s the America I know. That’s the country we love. Clear-eyed. Big-hearted. Optimistic that unarmed truth and unconditional love will have the final word. That’s what makes me so hopeful about our future. Because of you. I believe in you. That’s why I stand here confident that the State of our Union is strong.“

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