Pressefotos in der Flüchtlingskrise: Kann man Bildern trauen?

In der medialen Berichterstattung zur aktuellen Flüchtlingskrise ist immer wieder von der Bedeutung von Bildern die Rede. Nicht nur Medien und politische AkteurInnen messen ihnen eine enorme Relevanz bei. Auch in der öffentlichen Debatte zur Glaubwürdigkeit des Journalismus sind Bilder ein bestimmender Faktor der Diskussion: Was zeigen sie? Was verbergen sie? Welche Debatten lösen sie aus? Die Journalistin Nadia Pantel bringt die Situation in einem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung auf den Punkt: derzeit – so Pantel – sei es „beinahe unmöglich […] Flüchtlinge zu fotografieren, ohne dass die Bilder politische Aussagen werden“ (Pantel 2015).

Tatsächlich ist die Bedeutung von Pressefotos für die politische Öffentlichkeit nicht zu unterschätzen. Denn Bilder prägen unsere Vorstellungen von politischen und historischen Ereignissen in besonderem Maße. Der Realitätsbezug von Pressefotos und ein damit verbundener Authentizitätseffekt legt eine besondere Glaubwürdigkeit von Fotos nahe. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass Fotos stets auch „Deutungen dessen [sind], was sie zu zeigen vorgeben“ (Grittmann 2009, 34). FotografInnen wählen bestimmte Szenen und Motive aus, sie betten sie in Erzählungen ein und tragen so zu einer spezifischen Wirklichkeitskonstruktion bei. Dazu Nadia Pantel: „Ein weinendes Kind, das zwischen Polizisten eingequetscht wird, das ist nicht nur ein Foto, das ist ein Argument für Pro Asyl. Ein plattgetrampeltes Maisfeld, das mit halb leer gegessenen Konservendosen übersät ist, das ist nicht nur ein Foto, das ist ein Argument für die AfD“ (Pantel 2015).

Die Bedeutung von Pressefotografie für das Verständnis und die Einordnung der aktuellen Krise wurde zuletzt durch die Preisverleihung beim World Press Photo Award hervorgehoben. Die Jury zeichnete den australischen Fotografen Warren Richardson für sein Foto „Hope for a New Life“ aus. Das Bild zeigt einen syrischen Flüchtling, der sein Baby durch einen Stacheldrahtzaun an der serbisch-ungarischen Grenze reicht.

Wie zahlreiche andere FotografInnen begleitete Richardson die Reise von Flüchtlingen auf der so genannten Balkanroute, die durch die angespannte Lage an der griechisch-mazedonischen Grenze derzeit im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit steht. Besonders dramatisch ist die Situation in Idomeni, wo mehr als 10.000 Flüchtlinge in einem durch Regenfälle vermatschten provisorischen Lager ausharren.

Am 6. März nahm der österreichische Außenminister Sebastian Kurz die Lage in Idomeni zum Anlass, um in der deutschen Talkshow Anne Will die politische Bedeutung von Bildern hervorzuheben: „Die Bilder sind furchtbar, aber wir sollten nicht den Fehler machen zu glauben, dass es ohne diese Bilder gehen wird.“ Was bedeutet das?

Politische Indienstnahme von Bildern

Es liegt in der Eigenschaft von Pressefotos, dass sie zunächst einmal vieldeutig sind. Erst ihre Einbettung in Erzählungen und ihre konkrete Verwendung weisen ihnen unterschiedliche Bedeutungen zu. Durch ihre Deutungsoffenheit können fotografische Bilder für unterschiedliche politische Argumente in Dienst genommen werden. Die Möglichkeiten globaler Bildverbreitung hat diesen Prozess der Deutungs- und Bedeutungsproduktion noch verstärkt (vgl. Müller/Geise 2015, 46). In politischen Debatten versuchen unterschiedliche Seiten, ihre Argumente aus Bildern abzuleiten (vgl. Matjan 2002, 175). Besonders deutlich wird dieser Umstand am Beispiel von Fotos des Flüchtlingskindes Aylan Kurdi. Der leblose Körper des dreijährigen Syrers wurde Anfang September 2015 an der Küste von Bodrum angespült, nachdem das Boot seiner Familie in Seenot geraten und gekentert war. Die Fotos des toten Kindes wurden durch ihre massenhafte Verbreitung in klassischen Medien und in sozialen Netzwerken, durch Hashtag-Aktionen und durch Aneignungen in aktivistischen Kontexten zu einem ikonischen Foto der Flüchtlingskrise.

Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass das Bild zur Untermauerung jeweils unterschiedlicher politischer Positionen herangezogen wurde. Während etwa DemonstrantInnen im Jänner 2016 auf die Not von Flüchtlingen aufmerksam machen wollten und die Forderung nach der Öffnung von Grenzen anhand des Bildes artikulierten, nutzte die Terrormiliz des so genannten „Islamischen Staates“ das Bild, um in ihrem Propagandamagazin Dabiq vor einer Flucht aus Syrien und einem Abfall vom Glauben zu warnen. Im Jänner 2016 griff der chinesische Künstler Ai Weiwei das Motiv des toten Kindes auf und reinszenierte das Foto am Strand von Lesbos, was eine Debatte um die Möglichkeiten und Grenzen künsterlischer Interventionen auslöste. Der jüngste Bildeinsatz stammt vom EU-Parlamentsabgeordneten Michel Reimon, der das Bild mit einem Zitat des österreichischen Außenministers verband, um dessen Politik der geschlossenen Grenzen entlang der Balkanroute anzugreifen:

https://twitter.com/michelreimon/status/708576516721004544

Entkontextualisierte Bilder, undifferenzierte Debatten

Wie wenig es bei der politischen Verwendung von Fotos um die Bildmotive selbst und um ihren Entstehungszusammenhang geht, illustriert das zweite Foto aus dem Tweet des EU-Abgeordneten. Was Reimon als „hässliches Bild“ ausweist, zeigt eigentlich die Szene einer Rettung: Der Syrer Laith Majid, der im August 2015 nach der Überfahrt von der türkischen Küste zur griechischen Insel Kos aus einem Schlauchboot steigt, drückt seine Kinder vor Freude und Erleicherung weinend an die Brust. Das Foto von Daniel Etter wurde zu einem ikonischen Bild der Rettung in einer Situation, die für viele hoffnungslos erscheint.

Kann man Bildern in Zeiten gesteigerter Entdifferenzierung überhaupt noch trauen? Steht ihre Glaubwürdigkeit durch eine entkontextualisierte Verwendung auf dem Spiel? Verkommen Bilder zum illustrativen Beiwerk polemisch geführter politischer Debatten?

Diese Fragen hängen – wie so oft – an der Bildkompetenz jener Menschen, die sie verwenden. Eben weil Bildern eine besondere Funktion in der politischen Öffentlichkeit zukommt, ist im Umgang mit ihnen Sorgsamkeit angebracht. Ein verantwortungsvoller Umgang bedeutet, sie nicht aus dem Zusammenhang zu reißen und sie für politische Argumente zu missbrauchen, sondern die Prozesse ihrer Entstehung, Verbreitung und potenziellen Wirkung zu bedenken, bevor man sie in Umlauf bringt. Letztlich sind es nicht Bilder, die „lügen“. Es sind AkteurInnen, die durch die Art ihrer Bildverwendung zur Qualität und Glaubwürdigkeit einer Debatte beitragen. Oder eben nicht.

Zitierte Beiträge:

Grittmann, Elke (2009): Das Bild von Politik: Vom Verschwinden des entscheidenden Moments, APuZ 31/2009, 33-38.

Matjan, Gregor (2002): Wenn Fotos nicht lügen können, was können sie dann? Zum Einsatz der Fotoanalyse in der Politikwissenschaft, Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 31(2002), 173-190.

Müller, Marion G./Geise, Stephanie (2015): Grundlagen der Visuellen Kommunikation (2. Auflage), Konstanz: UTB.

Pantel, Nadia (2015): Ein zerbeulter Zaun, Menschen in Massen, Sueddeutsche.de (29. Oktober 2015).

Weiterführende Literatur:

Vis, Farida/Goriunova, Olga (Eds.) (2015): The Iconic Image on Social Media: A Rapid Research Response to the Death of Aylan Kurdi*

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