Wahlkampf, reloaded

Jetzt ist also wieder Wahlkampf. Mit der heutigen Präsentation einer Plakatserie durch Alexander Van der Bellen geht der österreichische Bundespräsidentschaftswahlkampf in die dritte (und hoffentlich finale) Runde. Wie bei den letzten Plakatserien habe ich mir die Sujets etwas genauer angesehen.

Das politische Plakat ist ein bemerkenswertes Medium. Kaum ein anderes Wahlkampfmittel wird häufiger als vermeintlich irrelevant abgeschrieben. Und doch hält es sich – wie sich am aktuellen Wahlkampf unschwer erkennen lässt – mit zäher Langlebigkeit. Plakate werden nach allen Regeln der Kunst im Rahmen von Enthüllungsritualen präsentiert und kurz danach in klassischen Medien und sozialen Netzwerken diskutiert.

Das liegt nicht zuletzt an den besonderen Qualitäten von Plakaten: sie ermöglichen eine hohe Kontakthäufigkeit mit unterschiedlichen Zielgruppen und bringen durch ihre inhaltliche und gestalterische Verdichtung die zentralen Botschaften einer Kampagne „unters Volk“. Mit Bildern lässt sich vermitteln, was nur schwer in Worte zu fassen ist. Gleichzeitig legen Bildbotschaften einen Kandidaten weniger fest, als dies verbale Versprechen könnten. Diese besondere Möglichkeit wird allerdings nur selten ausgeschöpft.

In einem Plakat der neuen Serie präsentiert sich Van der Bellen in einer landschaftlichen Kulisse. Die alpine Berglandschaft früherer Sujets wurde durch einen anderen Landschaftstyp ausgetauscht. Van der Bellen steht in legerer Kleidung auf einen Hügel und blickt – wie der Slogan mit einer Reminiszenz an die Bundeshymne nahe legt – über das „vielgeliebte Österreich“. Was hier visuell umgesetzt wird, ist die in der politischen Kommunikation so beliebte Idee des Weitblicks eines Politikers, der über den Dingen des politischen Alltagsgeschäfts steht und das „große Ganze“ im Blick behält.

Ergänzt wird das Plakat durch vier Sujets mit Halbportraits, die den Kandidaten vor dem wiederkehrenden Hintergrund der österreichischen Nationalflagge zeigen. KandidatInnenportraits sind Bildnisse, die stellvertretend für einen Kandidaten bzw. eine Kandidatin stehen. Als besonders beliebtes Genre politischer Kommunikation versuchen sie, ein bestimmtes Amtsverständnis visuell zu übersetzen und so erwünschte Eigenschaften des angestrebten Amtes zum Ausdruck zu bringen. In der Regel geschieht dies durch die Wahl der Kleidung – so auch bei Van der Bellen, der sich auf allen vier Plakaten im Anzug präsentiert. In drei Sujets scheint er aus dem Plakat in Richtung seiner BetrachterInnen zu gehen, was Dynamik vermittelt. Dass diese Dynamik offenbar auch ankommt, zeigen erste ironische Bildkommentare auf Twitter.

Die Slogans „Unser Präsident. Für das Ansehen Österreichs“ und „Mehr denn je.“ positionieren Van der Bellen als einen Kandidaten, der schon einmal Präsident war und nun zu seiner Wiederwahl antritt. Das ist ein kluger Schachzug. Neben der Präsentation präsidiabler Eigenschaften stellt nur ein Plakat eine sachpolitische Forderung: der Slogan „Gemeinsam stärker. Nein zum Öxit.“ richtet sich gegen die EU-Austrittsfantasien der FPÖ.

In einem weiteren Sujet mit dem Slogan „Vernünftig entscheiden. Verlässlichkeit statt Extreme.“ spielt Van der Bellen mit seinem professoralen Image und zeigt sich als vernunftbegabter Kandidat, der Entscheidungen auf Basis sorgfältiger Überlegungen trifft. Der Slogan wird durch ein Portrait in Denkerpose visuell unterstützt.

Alle vier Plakate inszenieren den Kandidaten, der die aufgehobene Stichwahl für sich entscheiden konnte, betont präsidial. Damit tragen sich die Sujets in die Tradition von Wiederwahlkampagnen ein, die vor allem Beständigkeit suggerieren und die positiven und amtstypischen Eigenschaften des Kandidaten hervorheben. Einmal mehr wird der bereits bekannte Heimat-Topos aufgegriffen, um der FPÖ den Alleinanspruch auf die Themen Patriotismus und Heimatverbundenheit streitig zu machen. Der Kandidat Van der Bellen steht für das Land, er inszeniert sich als „unser Präsident“, der sich durch die Eigenschaften Vernunft, Weitblick und Respektabilität auszeichnet. Schade nur, dass dem Kampagnenteam beim Öxit-Plakat der Mut gefehlt hat – eine EU-Fahne wäre ein wohltuender Kontrast.

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