Terror und die Verantwortung von Medien

Auf Einladung der Bundeszentrale für Politische Bildung spreche ich heute im Rahmen der Tagung Politische Gewalt – Phänomene und Präventionen über Darstellungen politischer Gewalt und die Verantwortung der Medien. Mein Workshop beschäftigt sich (1) mit dem strategischen Mehrwert medialer (Bild-)Berichterstattung für terroristische Organisationen, (2) mit problematischen Mustern in der (Bild-)Berichterstattung zu politischen Gewaltakten, (3) mit Herausforderungen durch soziale Medien und citizen journalists für die Berichterstattung und (4) mit Möglichkeiten des Umgangs mit graphic content und der Zunahme an verstörendem Bildmaterial. Hier eine (knappe und daher notwendigerweise verkürzte) Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte:

9/11 und der Terror als Medienereignis

Vorgestern jährten sich die Terroranschläge vom 11. September 2001 zum 15. Mal. „9/11“ ist zu einer Chiffre geworden, unter der sich jede/r etwas vorstellen kann. Die deutsche Bundesregierung schrieb dazu auf Facebook: „Jeder weiß, was gemeint ist. Und jeder über dreißig weiß, wo er heute vor 15 Jahren am Nachmittag war.“ Der 11. September 2001 hat sich aber nicht nur in das kollektive Gedächtnis eingebrannt – die bildgewaltigen Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers bedeuteten auch eine medienhistorische Zäsur. Denn die Anschläge fanden buchstäblich vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt, wurden in Echtzeit übertragen und danach in Endlosschleife im Fernsehen gezeigt (vgl. Weichert 2008). Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert hat einen Beitrag über jenen „Aufmerksamkeitsterror“ verfasst, der für ein breites (unbeteiligtes) Publikum in Szene gesetzt wurde (vgl. Weichert 2008, 692). Die Livebilder vom Einschlag des zweiten Flugzeugs in den Südturm des WTC kurz nach 9.00 Uhr Früh New Yorker Ortszeit gingen um die Welt. Weichert erklärt, dass der spektakuläre Anschlag mit seinem hoch symbolischen Gehalt die Berichterstattungspraxis von Medien zu Terrorakten verändert hat. TerroristInnen versuchen seither verstärkt, Medien als „Resonanzkörper für ihre kriminellen Botschaften zu instrumentalisieren“ (Weichert 2008, 688). Gleichzeitig werden politische Gewaltakte im Nachrichtengeschäft viel eher antizipiert – „man könnte sogar sagen: Neue und Alte Medien […] werden von Krisen fast schon magnetisch angezogen“ (Weichert 2008, 692).

Sichtbarkeit als Terrorstrategie

Sichtbarkeit ist ein wichtiger strategischer Faktor des Terrors geworden (vgl. Bernhardt 2016). Ich habe an anderer Stelle beschrieben, dass Terrororganisationen sich in ihren Inszenierungen auf wiederkehrende Bildtypen visueller Terrordarstellung konzentrieren, von denen sie ausgehen können, dass die in besonderem Maße mediale Aufmerksamkeit generieren: TerroristInnen stellen Geiseln zur Schau, inszenieren Tötungsakte und führen ikonoklastische, bilderstürmerische Zerstörungsakte durch – beispielsweise die Zerstörung der Zwillingstürme in New York, der Buddha-Statuen von Bamiyan oder jüngst von Bauwerken in der antiken Wüstenstadt Palmyra. Diese Bildakte richten sich an eine digital vernetzte Weltröffentlichkeit. Im Gegensatz zu den Anschlägen von 9/11 müssen Terrororganisationen heute nicht darauf warten, dass Medienorganisationen die Kamera auf einen Anschlagsort richten. Durch die Möglichkeit der Verbreitung von Bild- und (Live)Videomaterial in sozialen Netzwerken können TerroristInnen die Gate Keeping Funktion von Medien gezielt umgehen und sich direkt an verschiedene Zielgruppen richten.

Medien und die Übernahme von Terrorframes

Klassiche Medien sehen sich durch das Broadcasting von Terrororganisationen vor die Herausforderung gestellt, nachholend auf terroristische Attacken zu reagieren. Als die Terrororganisation „Islamischer Staat“ im August 2014 den US-amerikanischen Fotojournalisten James Foley vor laufender Kamera enthauptete, übernahmen zahlreiche Medien Film-Stills vom Video des grausamen Schauspiels. Terrororganisationen werden dadurch zu Bildproduzenten, die die Berichterstattung über ihre Taten (mit)bestimmen. Aber nicht nur propagandistisches Bildmaterial von Terrororganisationen stellt Medien vor Herausforderungen. Auch die sprachliche Rahmung politischer Gewaltakte erweist sich als schwierig. Denn terroristische Medienereignisse „sind nicht nur visuell und narrativ verdichtete, sondern stets auch interpretierte Geschehnisse, die in ihrem Duktus einem ähnlich ablaufenden Inszenierungsmuster folgen“ (Weichert 2008, 691). Diese medialen Frames bzw. Deutungsrahmen rücken „prinzipiell mit vielen Bedeutungen ausgestattete Bilder und Texte auf einer Metaebene […] in ein bestimmtes Licht oder einen bestimmten Rahmen“ (Müller 2013, 31). Frames sind also selektiv: „Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen“ (Wehling 2016, 18). Die Soziolinguistin Elisabeth Wehling, die sich intensiv mit Framing beschäftigt hat, erklärt, dass Frames dabei nicht nur bewerten und interpretieren, sondern auch unser Denken und Handeln anleiten – und zwar ohne dass wir es merken (vgl. ebd.). Frames – so Wehling – verleihen „Fakten erst eine Bedeutung […], und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen“ (Wehling 2016, 17-18).

Typische Frames bei Terrorakten

Medien liefern durch Frames also spezifische Deutungen eines terroristischen Ereignisses. Das Breaking News Consumer’s Handbook verweist in seiner Terrorism Edition (vgl. On the Media 2015) auf typische Frames bei politischen Gewaltakten: der Superhirn-Frame („Mastermind“), der Raffiniertheits-Frame („sophisticated“) und der Neuartigkeits-Frame („unprecedented“). Diese drei Frames, die inhaltlich eng miteinander verbunden sind, werden von Medien nach Anschlägen immer wieder aufgegriffen. Der Superhirn-Frame sucht nach dem einen verantwortlichen Drahtzieher eines Anschlags. Diesem Drahtzieher wird eine besondere Intelligenz zugeschrieben, die nicht selten auf populärkulturelle Spuren der Darstellung von Bösewichten in Filmen zurück greift und sie als Mastermind rahmt:

„They had to find some evocative word that would rank the villainy of the organizer up there with Professor Moriarty or Hannibal Lecter or Ernst Blofeld from 007 movies. One of the reasons I think it’s important for us to abandon the word mastermind is that there’s nothing really ingenious about the mechanics of what they’re doing.“ – Jack Shafer (POLITICO, im Interview mit On The Media)

Der Raffiniertheits-Frame wiederum beschreibt nicht den Täter, sondern die Tat an sich, die als mediale Erzählung umso besser „funktioniert“, je eher sie als Ergebnis minutiöser Planung und ausgeklügelter Startegie präsentiert werden kann. Eine Zuschreibung von Genialität für Tat und TäterIn bedingen nicht zuletzt den Einzigartigkeits-Frame, durch den Anschläge und ihre Opferzahlen als beispiellos dargestellt werden:

„Yeah, well, we remember 9/11 and Pearl Harbor, so when the Paris attacks were taking place a lot of people were saying this is the worst terrorist attack on the West since 9/11, but in 2004 the Madrid subway attacks were more deadly, although arguably less disruptive. Remember that there’s very little that happens in the realm of terrorism that’s genuinely new. Even the 9/11 attacks had precursors.“ – J.M. Berger (Co-Author of „ISIS. The State of Terror“, im Interview mit On The Media)

Die Geschichte der Anschläge von 9/11 und ihrer Vorbereitung wurde von Medien als beispielloser Gewaltakt gerahmt, der von einem genialen Mastermind erdacht und nach minutiöser Planung erfolgreich umgesetzt wurde. Die „Antwort“ der Politik – der von der US-Regierung proklamierte, so genannte „Krieg gegen den Terror“ – wurde ebenfalls als Frame präsentiert, der von Medien bereitwillig aufgegriffen und perpetuiert wurde.

Der Propagandawert von Frames

Frames sind nicht nur unter dem Gesichtspunkt der medialen Darstellung politischer Gewalt interessant – sie können auch zu einem wichtigen Image- und Propagandaerfolg von terroristischen Organisationen beitragen. Welcher Terrorist möchte nicht als Mastermind hinter einem genialen, bösartigen Plan dargestellt werden, dessen Ergebnis die Welt in Angst und Schrecken versetzt? Die Terrorforscher Charlie Winter und Haroro J. Ingram haben in Folge des Anschlags von Orlando am 12. Juni 2016 erklärt, wie der „gewöhnliche Massenmörder“ (Winter/Ingram 2016) Omar Mateen binnen kurzer Zeit zu einem Terroristen des IS wurde:

„When rumors of his ideological inclination first went public, observers stopped talking about him as if he was an “ordinary” mass shooter and effectively put the full force of ISIS behind him. He stopped being a mere man with a gun and was transformed, via the media and politicians, into a full-fledged ISIS operative, a human manifestation of the group’s international menace. […] Before the caliphate’s media team had even uttered a word, the organization was handed credit for the massacre as reports emerged that the killer had expressed support for it—an act that evokes dark hints of a worldwide conspiracy, even though it requires no genuine ties to the caliphate in Iraq and Syria.“ – Charlie Winter & Haroro J. Ingram (The Atlantic)

Die Autoren werten die vorschnelle mediale Zuordnung des Attentäters zum IS als propagandistischen Erfolg für die Terrormiliz, die Omar Mateen erst circa 12 Stunden nach dem Angriff zu einem ihrer „Kämpfer“ erklärt hat. Charlie Winter und Haroro J. Ingram plädieren daher für eine besonders sorgfältige und nuancierte Berichterstattung:

„In the war against ISIS, nuance is everything. […] If the response to it continues to be characterized by hype and inflammatory ignorance, we are only encouraging ISIS’s efforts to stage attacks like the one in Paris and inspire more massacres like that in Orlando.“ – Charlie Winter & Haroro J. Ingram (The Atlantic)

In Reaktion auf eine Serie islamistisch motivierter Anschläge in Frankreich gab die Tageszeitung Le Monde in einem Leitartikel bekannt, in Zukunft keine Bilder von Terroristen mehr zu zeigen, um „eventuelle Effekte der posthumen Glorifizierung“ zu vermeiden. Außerdem werde in Zukunft auf die Veröffentlichung von Bildmaterial verzichtet,  die aus Propagandamaterialien des „Islamischen Staates“ stammen. Der Fernsehsender BFM-TV und die Zeitung La Croix schlossen sich den Maßnahmen an. Die genannten französischen Medien vesuchen auf diesem Wege, sich nicht zu Multiplikatoren terroristischer Botschaften zu machen, stoßen dabei allerdings auch auf Kritik.

Frame-Vermeidung und verantwortungsvolle Bildverwendung

Frames werden freilich nicht nur über Sprache aktiviert und vermittelt, sondern auch über Bildmaterial. In der Bildverwendung sind Frames allerdings deutlich schwerer zu identifizieren, da sie sich nicht an Begrifflichkeiten festmachen lassen, sondern sich eher als visuelle Darstellungsmuster manifestieren. Aufgrund der Aufmerksamkeit, die Bildmaterial generiert, ist hier besondere Vorsicht geboten.

Am 10. September 2016 erschien in der New York Times ein (lesenswerter) Beitrag zu den Effekten gewalthaltiger Nachrichten im Internet:

„Social media, too, has begun to play a prominent role in broadcasting tragedy. […] The effect on audiences can be traumatic. […] For some people, it may not matter through which medium they consume the news. […] But there are several reasons to suspect that the emotional impact of such intimate social-media images or internet-derived news is different, and perhaps even longer-lasting in some cases, than from old-media sourced. Contact with violence through any media can lead to what is called vicarious traumatization – and may, for some people, be more upsetting than an unmediated experience.“ – Teddy Wayne (New York Times)

Vicarious traumatization (indirekte oder sekundäre Traumatisierung) kann also jede/n treffen und beschränkt sich längst nicht auf MitarbeiterInnen in Redaktionen, die sich durch die aktuelle weltpolitische Lage mit einer Zunahme an graphic content – also Bildmaterial mit potenziell verstörendem Inhalt – konfrontiert sehen. In ihrem Artikel „How Newsrooms Handle Graphic Images of Violence“ setzt sich Helen Lewis auf der renommierten Journalismus-Plattform Niemanreports.org mit der Frage auseinander, wie Redaktionen mit Bildmaterial zu Gewalt und Tod umgehen könnten. Im Beitrag formuliert sie fünf Fragen, die sich verantwortungsvolle RedakteurInnen vor der Publikation von graphic content stellen sollten:

„Is the image’s news value or public interest greater than the potential negative impact on the subject? Does it bolster an existing narrative about a conflict? If so, does it do so consciously and fairly? Does it dehumanize its subjects or draw the world’s attention to their plight? Could the image be used as propaganda or drive a vulnerable person to commit a crime? If so, is it still essential to the story and therefore should it be published anyway?“ – Helen Lewis (NiemanReports)

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Bildmaterial betrifft freilich nicht nur die Arbeit von Medien, sondern uns alle, für die die Nutzung sozialer Medien im Alltag (mehr oder weniger) eine Selbstverständlichkeit geworden ist und die Bild- und (Live-)Videomaterial an ihre „Friends“ und „Follower“ verbreiten. In jedem Fall ist es sinnvoll, sich vor einer Verbreitung mit der Herkunft von Bildmaterial zu beschäftigen. Der für die journalistische Arbeit entwicklete „Visual Verification Guide“ vom JournalistInnennetzwerk First Draft ist dafür ein empfehlenswerter Leitfaden. Denn erst wenn man weiß, ob man es mit einer Originalaufnahme zu tun hat, wer das Foto gemacht hat, wo und wann es entstanden ist und vielleicht auch warum es aufgenommen wurde, kann man es guten Gewissens als Informationsquelle nutzen.

Der „Visual Verification Guide“ ist ein hilfreiches Tool, um die Authentizität von Bildmaterial so genannter citizen journalists zu überprüfen. Unter citizen journalists versteht man jene Menschen, die am Ort eines Geschehens Fotos oder (Live-)Videos aufnehmen und verbreiten – in der Regel noch bevor professionelle JournalistInnen vor Ort sein können. JournalistInnen sehen sich dadurch mit der Herausforderung konfrontiert, das Bildmaterial zu verifizieren und einzuordnen. Denn gerade in Krisen- und Konfliktsituationen ist die Wahrheit bekanntlich das erste Opfer – was in besonderem Maße für die Verbreitung von Bildmaterial gilt. In sozialen Medien werden Bilder oft entkontextualisiert verbreitet und (aus unterschiedlichen Motiven) in neue Zusammenhänge gestellt. Während des Amoklaufs von München am 22. Juli 2016 ersuchte die Münchner Polizei daher über den Kurznachrichtendienst Twitter, kein Bildmaterial zu verbreiten, sondern es zur Verifikation an die Polizei zu übermitteln:

Sowohl für Medien als auch für Social Media NutzerInnen ist es also sinnvoll, die eigene Bildkompetenz zu schulen, quellenkritisch vorzugehen und gelegentlich nachzufragen, welche Deutungen und Bedeutungen in einem Frame stecken könnten. Und im Zweifelsfall gilt: lieber zweimal nachdenken, bevor (Bild-)Material zu Anschlägen verbreitet wird.

Zitierte Literatur:

Bernhardt, Petra 2016: Terrorbilder, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 24-25/2016, 3-10 [Link zum Text].

Lewis, Helen 2016: How Newsrooms Handle Graphic Images of Violence, NiemanReports.org, 5. Jänner 2016 [Link zum Artikel].

Müller, Marion G. 2013: „You cannot unsee a picture!“ Der Visual-Framing-Ansatz in Theorie und Empirie, in: Stephanie Geise / Katharina Lobinger (Hg.Innen): Visual Framing. Perspektiven und Herausforderungen der Visuellen Kommunikationsforschung, Köln: Halem, 19-41.

On The Media 2015: Breaking News Consumer’s Handbook: Terrorism Edition, WYNC, 20. November 2015 [Link zum Audiobeitrag und zum Text].

Wayne, Teddy 2016: The Trauma of Violent News on the Internet, The New York Times, 10. September 2016 [Link zum Text].

Wehling, Elisabeth 2016: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, Köln: Halem.

Weichert, Stephan A. 2008: Aufmerksamkeitsterror 2001. 9/11 und seine Inszenierung als Medienereignis, in: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder. 1949-heute, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 688-693.

Winter, Charlie / Ingram, Haroro J. 2016: How ISIS Weaponized the Media After Orlando, The Atlantic, 17.6.2016 [Link zum Text].

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