Hillary Clinton und das virale Gruppenselfie

Der laufende Wahlkampf zur US-Präsidentschaft ist um ein virales Bild reicher: Victor Ng, ein Mitarbeiter der Clinton Campaign, verbreitete am 25. September ein Foto auf Twitter, das die Präsidentschaftskandidatin bei einer Kampagnenveranstaltung in Orlando zeigt. Von der Kandidatin abgewandt ist eine Gruppe junger Menschen zu sehen, die mit ihren Smartphones Selfies aufnehmen.

Das Bild hält aktuell bei weit über 21.000 Retweets und zieht eine Welle medialer Berichte und Kommentare nach sich (zum Beispiel hier, hier und hier). Wie so oft bei Bildern sehen unterschiedliche KommentatorInnen darin unterschiedliche Phänomene symbolisch verdichtet: die einen meinen eine Zustandsbeschreibung politischer Kommunikation zu sehen, die anderen ergehen sich in kulturkritischen Beiträgen zum Phänomen des Selfies.

Ich finde einen anderen Aspekt interessant, der sich mit der Frage der Funktion des Bildes im übergeordneten Zusammenhang der Clinton Campaign beschäftigt. Zunächst ist der Umstand bemerkenswert, dass das Foto von Barbara Kinney, der offiziellen Fotografin Clintons, aufgenommen wurde. Ich habe in einem früheren Blogpost beschrieben, welche besonderen Funktionen offizielle FotografInnen für PolitikerInnen erfüllen: sie haben Zugang, wo unabhängige FotojournalistInnen oft ausgesperrt bleiben, und können so offizielle und semi-private Momente festhalten. Dabei entstehen Bilder, die zu historischen Dokumenten werden können. Barbara Kinneys Foto ist so ein Bild.

Besonders wichtig ist die Funktion offizieller FotografInnen bei der Projektion und Unterstützung erwünschter Images, die PolitikerInnen in einem positiven Licht erscheinen lassen. Genau an dieser Stelle wird das Kinney-Foto interessant. Seit der offiziellen Ankündigung ihrer Kampagne im April 2015 inszeniert sich Hillary Clinton als Kandidatin, die sich durch besonderes Interesse und Empathie für die Sorgen und Nöte der so genannten „Everyday Americans“ – eine Begriffskonstruktion zur Umgehung des nicht mehr uneingeschränkt positiv besetzten Begriffs „Middle Class“ – auszeichnet. Schon ihr Spot zum Kampagnenauftakt zeigt Clinton in unterschiedliche Gesprächssituationen mit potenziellen WählerInnen vertieft – in einem Café, beim Besuch eines Unternehmens oder auf der Straße. Das obligate Händeschütteln gehört dabei ebenso zum Programm wie gemeinsame Fotos mit der Kandidatin. Auch das Facebook-Fotoalbum zum Kampagnenauftakt und die Alben zu den darauf folgenden Terminen (z.B. hier, hier und hier) setzen auf ähnliche Bildmotive: Gruppenfotos in Betrieben, Handshakes, Round Tables und Selfies mit UnterstützerInnnen auf der Straße. Clinton wirkt dabei stets freundlich, aufmerksam und ihrem jeweiligen Gegenüber zugewandt. Diese projizierte Nähe wird nicht zuletzt durch die Verbreitung von Selfies mit UnterstützerInnen unterstützt und erklärt auch die Entstehungsgeschichte des viralen Fotos, die bei Mashable folgendermaßen beschrieben wird:

„Kinney told Mashable that the massive group selfie session was in fact requested by Clinton herself. The candidate is no stranger to the art of selfie taking, and stopped by the overflow room at her campaign rally in Orlando to ensure supporters got a chance to see her in person.“

Vor dem Hintergrund der Kampagnengeschichte Clintons liest sich das so: Das von der offiziellen Fotografin von einem optimalen Standort aufgenommene Foto zeigt junge Menschen, die ein Bild mit Hillary Clinton machen. VertreterInnen der so genannten „Millenials“ – einer Zielgruppe, bei der sich Clinton Umfragen zufolge besonders schwer tut – werden als begeisterte UnterstützerInnen  gezeigt. In weiterer Folge verbreitet ein Mitarbeiter der Kampagne das Foto scheinbar beiläufig auf Twitter, das kurze Zeit später zu einem Internethit wird.

Wenn das Foto also etwas über die Funktionsweise politischer Kommunikation in Zeiten des digitalen Image Managements aussagt, dann folgendes: es ist für politische Kampagnen mittlerweile leicht geworden, hochwertige Fotos mit gewünschten Botschaften zu verbreiten und damit über Stunden die Berichterstattung zu dominieren.

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