Die „Causa Silberstein“: auch auf der Bildebene ein Fiasko

Seit Tagen wird die mediale Wahlkampfberichterstattung in Österreich von der so genannten „Causa Silberstein“ dominiert. Dabei geht es um die Zusammenarbeit der SPÖ mit dem israelischen Berater und Unternehmer Tal Silberstein im Zuge des laufenden Nationalratswahlkampfes. Wie „Die Presse“ und „profil“ am 30. September berichteten, soll ein von Silberstein engagiertes Team für die SPÖ-Kampagne die Facebookseiten „Die Wahrheit über Sebastian Kurz“ und „Wir für Sebastian Kurz“ organisiert haben. In Folge dieser Enthüllungen trat der SPÖ-Wahlkampfleiter und Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler zurück und wurde eine interne Task-Force von der SPÖ eingerichtet. Seither werden in den Medien täglich neue Details der Affäre diskutiert.

Bei der journalistischen Bearbeitung der „Causa Silberstein“ fällt die bemerkenswerte Gleichförmigkeit der Bebilderung auf. Zu sehen sind unterschiedliche Beschnittvarianten eines Fotos aus dem August 2017, das eine Szene der verübergehenden Festnahme Tal Silbersteins in Israel zeigt. Die Festnahme stand im Zusammenhang mit Korruptions- und Geldwäschevorwürfen gegen Silberstein und seinen Geschäftspartner und hat mit der aktuellen Debatte um Facebookseiten und Dirty Campaigning im österreichischen Wahlkampf nichts zu tun. Die SPÖ nahm die Festnahme im August allerdings zum Anlass, die Zusammenarbeit mit Silberstein zu beenden.

Eine umgekehrte Bildersuche auf Google (Reverse Image Search) zeigt den hohen Verbreitungsgrad des Bildes. So wurde es beispielsweise vom profil am 30.9., vom Standard am 30.9., vom Kurier am 3.10., vom Falter am 3.10., von News am 3.10., von der Wiener Zeitung am 3.10. oder von News am 5.10. verwendet – und das ist nur ein Bruchteil seiner Verbreitung. Ich habe dazu auf Twitter folgende Frage gestellt:

Wenn ein Foto wie in diesem Fall aus dem Zusammenhang gerissen und in einen neuen gestellt wird, wird dem Bild durch diese Einbettung Bedeutung zugeschrieben. Es verändert dabei seine ursprüngliche Funktion, nämlich die Szene einer Festnahme zu dokumentieren, und bekommt eine symbolische Bedeutung. Es darf angenommen werden, dass die meisten BetrachterInnen über die Umstände der Entstehung des Fotos nicht (oder nicht ausreichend) informiert sind. Im aktuellen Kontext des österreichischen Nationalratswahlkampfes, bei dem es um Dirty Campaigning Vorwürfe, schwer durchschaubare Zuständigkeitsbereiche und Geldflüsse geht, wirkt das Foto wie der bildhafte Beweis für ein schuldhaftes Verhalten Silbersteins. Die Festnahme! Der Blick! Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!

Der israelische Berater Silberstein wird durch die entkontextualisierte Bildverwendung zum alleinig Verantwortlichen stilisiert, was relevante Fragen nach Auftraggeberschaft, politischer Verantwortung und potenziellen Verstrickungen in die Causa auf der Bildebene ausblendet. Trifft das Foto bei BetrachterInnen auf antisemitische Ressentiments und Vorurteile, tritt der so genannte Conformation Bias ein. Das heißt, man sieht bestätigt, was man ohnehin schon glaubt: Der Jud‘ ist schuld.

Journalistische Bildverwendung findet immer in einem konkreten gesellschaftlichen und politischen Kontext statt. Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit, der Holocaust und der bisweilen problematische Umgang mit Antisemitismus in der Nachkriegszeit, der bis in die Gegenwart fortwirkt, bilden hier einen Zusammenhang, der bei der Betrachtung des Bildes nicht ignoriert werden sollte. Bereits wenige Tage nach Bekanntwerden des Skandals wurden an unterschiedlichen Standorten in Wien – u.a. am Wallensteinplatz im 20. Bezirk – antisemitische Beschmierungen auf SPÖ-Plakaten gesichtet.

Ich habe auf meine Frage auf Twitter zahlreiche Reaktionen bekommen. Einige davon stammten von JournalistInnen, die glaubhaft versicherten, es gäbe zu dem Foto keine verfügbaren Alternativen. Das heißt, dass Bildagenturen nur dieses eine Foto lizensiert haben, auf das Medien bei ihrer Recherche zurückgreifen können. Andere argumentierten, dass es einfach notwendig sei, ein Bild zum Beitrag zu bringen – manchmal eben auch das einzig verfügbare. Ich zweifle nicht an der Darstellung der JournalistInnen und unterstelle ihnen auch keine bösen Absichten. Arbeitsdruck, ökonomische und strukturelle Bedingungen (z.B. Agenturangebote oder Content Management Systeme) geben der journalistischen Arbeit einen Rahmen vor, der nicht leicht zu durchbrechen ist.

Dennoch meine ich, dass bei einem problematischen Foto nicht nur arbeitspragmatische Fragen der Verfügbarkeit oder Reproduzierbarkeit über die Verwendung des Bildes entscheiden sollten, sondern auch bzw. vor allem die Frage, ob das Bildmaterial bestehende Vorurteile und Ressentiments verstärken könnte. Ein kompetenter Umgang mit Bildmaterial sollte Überlegungen zu Produktions-, Verwertungs- und Rezeptionsbedingungen sowie zu Wirkungspotenzialen von Bildern vor dem Hintergrund der visuellen Kultur eines Landes einschließen. Das wäre eine wesentliche Aufgabe bildjournalistischer Verantwortung. Diese wiederum könnte zur Entscheidung führen, im Zweifelsfall auch einmal auf ein Bild zu verzichten.

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